SCHNELL, SCHNELLER, 100 km/h

6 02 2011

Das Überschätzen von Geschwindigkeit

Wenn man überlegt, wie schnell man mit dem Auto beispielsweise von München nach Frankfurt gelangt, mit dem Zug von Berlin nach Hamburg (gibt es da überhaupt noch einen Zwischensstop?) oder mit dem Flieger nach Bangkok, ist es kein Wunder, daß alle Welt davon spricht, wie schnell doch heute die Zeit vergeht. Wir haben uns unsere Welt beschleunigt und sind nun offensichtlich auch mit der Kehrseite der überhöhten Geschwindigkeit vertraut gemacht worden. Goethes Italienreise zwingt uns heute nicht mal mehr ein Schmunzeln ab, Marco Polo und seine Mannen auf dem Marsch nach Osten allenfalls ein ungläubiges Bewundern, das man auch Märchenhelden gegenüber aufbringt. Der arme Christopher Kolumbus war bald vier Wochen auf einem Ozean, den er als erster Mensch der Welt zu überqueren glaubte – heute wird die selbe Strecke in vier Stunden überflogen – und ich, ja ich war neun Stunden von Trier nach München unterwegs, um das Fahrzeug, das neue Familien-Gefährt, die Urlaubsresidenz, den Fernweh-Stiller, die Camping-Kiste, den Bulli aus seinem alten in sein neues zu Hause zu überführen. Nicht, daß ich mit Goethe oder Christoph Kolumbus in einem Atemzug genannt werden sollte. Aber was die Geschwindigkeit unserer Reisemittel angeht, so sind wir doch Brüder.

Auch beim besten Willen zitterte sich die Tachonadel nicht über die magische Hundert. Das heißt, sie zeigte eigentlich einhundertzwanzig, liegt aber gehörig daneben, denn jedes Radarmeßgerät auf der Heimfahrt bestätigte mir bei der Ortsdurchfahrt brav fünfzig km/h, wobei der Tacho stolz und bräsig schon weit hinter der Sechzig lag. Geschwindigkeit ist eben relativ.

Jetzt freuen wir uns auf die ersten gemeinsamen Ausfahrten ins Münchner Voralpenland und hoffen, vor der ersten Morgendämmerung das traute Heim wieder zu erreichen. Für die Fahrten über die Alpen planen wir den Jahresurlaub fix mit ein. Die große Italienrundfahrt – weit jenseits des Po, also mindestens Mantova – dürfte eine mehrmonatige Studienreise ins Land der blühenden Zitronen werden.

Was für eine Befreiung von Zeitdruck und Vergänglichkeit. Mit dem Bulli die Unsterblichkeit erlangen! Ich wußte schon, warum ich diesen Bus unbedingt haben wollte!


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