BULLI-HYMNE

9 02 2011

Auf einer der vielen VW-Bus Foren in der Tiefe des Internetzes stieß ich auf der Suche nach immer wieder nötigen Ersatzteilen auf meine bald zur Lieblingsseite gewordenen „Bunten Bulliseite“ und versank sofort in die zahlreichen dort erzählten Geschichten. Ich las von dem Studentenbulli, der trotz Erfrierungsgefahr und mangelnder Ausstattung zum Freund wurde, der nach einer Frankreichfahrt in den späten 80ern wieder verscherbelt wurde oder seinen Fahrer durch die Studienzeit begleitete.

Nostalgie, niemals ist sie mehr mit einem technischen Gegenstand verbunden als mit dem Bulli. Weil alle Gefühle der Freiheit, des Südens und der Sommersonne damit verbunden sind, weil es meist die Gründerjahre junger Familien sind, weil oft die Kunst des Improvisierens und der Erfolg über Geleistetes vor dem Mangel an Komfort und Sicherheit stehen. Und weil sich eine Nische auftut zum Verschwinden aus einer aalglatten Anonymität und aus der ganzen Spießigkeit sowieso.

Da musste ich schon lachen, als ich Stefan Binders Fotos sah, sein „Zukunftsprojekt zwischen den Bäumen“. Einen ähnlichen Fall von Angewurzelt habe ich oberhalb von Monterosso/5-Terre in Italien liegen sehen. Ich stieß eher unfreiwillig darauf, als ich mich meiner Blase ganz unbeobachtet in hohem Bogen einen Steilhang hinunter Erleichterung verschuf und das Prasseln auf Blech mich stutzig machte. Selber stand ich zwei Schritte von meinem eigenen Bulli entfernt und konnte dabei über das merkwürdige Nebeneinander von Vergessenheit und Anwesenheit grübeln. Später musste ich feststellen, dass das Wrack erstaunlich gut im Lack stand.

Meinen ersten Bulli kaufte ich meiner Studienkollegin ab, machte TÜV und verließ Deutschland im Herbst für vier Monate. Der Bulli begleitete mich nach Finnland und wir hätten beinahe das Nordkap im Winter bezwungen. 14 Kilometer fehlten noch, aber trotz Winterreifen geriet die Situation aus den Fugen. Wir fuhren Hänge quer bergauf und bergab und von einer Straße war in der pechschwarzen Dunkelheit nichts mehr zu sehen. Erstmals wurden Bulli und ich in die Knie gezwungen. Das tat uns beiden weh.

Später verkaufte ich das Fahrzeug mangels Restaurierungssetat an einen Zivildienstleistenden aus Garmisch Partenkirchen. Viele Jahre später erlebte ich eines der vielen Buswunder, die sich um den T2 zu ranken scheinen. Meine verflossene Freundin verliebte sich neu, zufälligerweise in den damaligen Käufer meines Finnland-T2, der bis dahin niemals zuvor in unser Leben getreten war. So bekam ich nochmals einen Gruß aus der Vergangenheit von meinem Fahrzeug, das mich auch bei minus 17 Grad und einer durchfrorenen Nacht, dem Kältetod nahe, nicht verlassen hatte.

Urs Kurswagen, der zweite T2

Urs Kurswagen

Meinen zweiten T2 fand ich auf der Insel Reichenau per Inserat. Schon bei der ersten Besichtigung gab es keine Zweifel: Hier steht meine Freiheit, mein Süden, meine Sonne. Ich schlug ein, bevor überhaupt über den Preis geredet wurde. Und ich bereute nichts. Die Eltern des Verkäufers gaben das Fahrzeug aus Altersgründen ab und ich erstand den umlackierten Schweizer Fernmeldebus mit doppeltem Unterboden, eingeschweißt für den Feld-, Wald- und Wieseneinsatz für 1700 DM. Und er war liebevoll eingerichtet, vom Waschbecken bis zur Schranktürverkleidung in Fisch- und Storchmotiven. Nach Entschlackung bis auf die Liegen fuhr dieser Bus in alle Himmelsrichtungen ohne die kleinste Panne. Er stand an der Ostsee, der Nordsee, dem Mittelmeer und auf nahezu allen ernstzunehmenden Alpenpässen. Er trugt den Namen Urs Kurswagen, weil er aus der Schweiz kam und weil nichts an ihm an Stillstand dachte. Er war der Feriengarant für meine junge Familie und der Packesel eines heranwachsenden Haushaltes. Heute steht er ein paar Stadtteile weiter und fährt Steine für seinen neuen Herrn und Meister. Reisen wird er wohl nie mehr.

Wegen Geschichten wie diesen und aus tausend anderen Gründen bin ich der Meinung, dass Technik niemals menschennäher entwickelt wurde als im Model T2 von VW. Und gerne unterstütze ich den Kult und die Saga um den Bulli in Wort und Tat, und sei es nächstes mal wieder mit dem Bulligruß auf der Superstrada Richtung Süd mit aufblinkendem Fernlicht für den T2 auf der Gegenfahrbahn irgendwohin. Hauptsache kein Stillstand.

Bullitalien 2001

Auf seine erste Tour brachte er uns nach 5-Terre/Ligurien und befand sich noch im Original-Kaufzustand. Aber schon nach den ersten zwei Tagen verlor Urs sein Mobiliar und kam um einige Kilo leichter und ettliche Kilometer erfahrener zurück.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: