KEINE AHNUNG (TEIL 1)

19 02 2011

Es kursieren sicherlich einige Geschichten zum Thema Bullireisen, die alle amüsant, interessant oder wenigstens erwähnenswert waren. Keiner jedoch konnte uns seine unglaublichen, haarstäubenden, hinreißenden und hanebüchenen Erlebnisse so unvergesslich machen wie Markus Ostermeier, den wir in seinem Sommerdomizil, einem Zelt am Surf-Strand einer griechischen Insel trafen. Die Geschichten, die er zu erzählen weiß, klingen nicht nur vollkommen konstruiert, sie sind es wahrscheinlich auch. Aber etwas fesselnd zu erzählen und sein Publikum über einen ganzen Abend lang in seinen Bann zu ziehen verdient eine Würdigung, der wir hiermit nachkommen.

 

 

Teil 1: Von Schwestern, falschen Karten und langen Bärten

Im Januar 1977 erlebte Markus Ostermeier zusammen mit fünf Freunden aus Traunstein (Obb.) einen unvergesslichen Tripp durch Nordafrika, der als eine harmloser Spaß am Stammtisch begann und als lebensgefährliche Expedition und Herausforderung an Mensch und Material zwischen Überleben und Tod enden sollte.

Am Abend des 16. Januar beschloss Markus Ostermeiermit zusammen mit seinen Freunden Thomas Ahrens und Andreas Weinzierl in noch feuchtfröhlicher Stimmung und völlig ahnungslos, dem Drängen ihres gemeinsamen Bekannten Walter Dillinger, Spediteur und Import- Export Vorreiter auf Oberbayerisch, nachzugeben und drei von der Stadtverwaltung ausrangierte Fahrzeuge an einen bislang unbekannte Bestimmungsort zu überführen, von dem sie lediglich wußten, daß er noch südlch der Sahara liegen sollte. Ihr gemeinsamer Bekannter hatte die Fahrzeuge für den Export angekauft und stellte nun eine Truppe von Fahrern zusammen, denen weder die Beschwerlichkeiten einer derartigen Reise noch die eventuellen Gefahren etwas ausmachen könnten und lockte außerdem mit einer aus damaliger sicht nicht unerheblichen Provision bei Gelingen. Zudem kam, daß das Team sich untereinander kennen sollte und das nötigen technische Knowhow mitbrächte, denn spätestens ab Gibraltar wären sie weitgehend auf sich alleine gestellt. Sowohl Ostermeier als auch Weinzierl erfüllten diese Voraussetzungen gut, der wesentlich jüngere Ahrens ließ sich seinerseits nicht von allen Warnungen abhalten und bestand auf seine Teilnahme. Somit war das Team 1 gebildet und am 17. Januar bei Walter Dillinger im Büro dessen Spedition vorstellig.

Derartige Fahrzeugüberführungen unter anderem nach Afrika waren durchaus keine Seltenheit und in der Regel eines der letzten Abenteuer, die es zu Zeiten der schon damals voranschreitenden Globalisierung und Erschließung der letzten Winkel unserer Erde zu bestehen gab. Ganze Karawanen von Hippis zogen mit Fahrzeugen aller Art und Größe und mit einem ovalen Zollkennzeichen ausgerüstet Richtung Indien, um sich zum einen von der Magie der fernöstlichen Religionen in ein Nirvana auf Erden befördern zu lassen und zum anderen, um die Fahrzeuge am Zielort wieder zu verkaufen und vom Erlös, die mittlerweile angefallene Heilpraktiker-Kosten zu bezahlen. Immer schon war der Weg das Ziel, das Abenteuer wichtiger als die Sicherheit und die als spirituelle Erweiterung getarnte Fern-Ost Sehnsucht für viele oftmals die letzte Flucht nach vorne. Die nötigen Visa und Transit-Papiere zu erwirken war für Walter Dillinger keine Besonderheit mehr, zumal seine Spedition oftmals Waren in nordafrikanische Staaten lieferte. Allerdings galten diese Papiere vor Ort oftmals nur noch als Option für die jeweiligen Grenzbehörden. Die Genehmigung zur Weiterfahrt an afrikanischen Schlagbäumen unterlag nicht nur den sich häufig ändernden politischen Verhöltnissen innerhalb der Staaten, oftmals war man auch einfach nur der Wilkür der Grenzbehörden ausgeliefert und mußte auch trickreich agieren sowie die nötige Cleverness besitzen, um die Fahrt durch die Sahara bis in die mittelafrikanischen Staaten nicht schon in Marokko oder Lybien enden zu lassen. Zudem galten in Afrika unter dem Begriff Straße völlig andere Bewertungskriterien. Der Begriff Expedition traf daher das Vorhaben der Gruppe um Markus Ostermeier weit besser als eine in Europa übliche Fahrzeugüberführung.

„Meine ganzen Freunde sind damals weggegangen und keiner hatte eine Ahnung, was da auf einen zukam“, so Ostermeier. „Wir sind alle narrisch auf Abenteuer gewesen und zu verlieren hatten die meisten auch nix. In den Städten hingen die Gammler in den Parks und auf dem Land, da wo wir gewohnt haben, da gab es nichts außer der Aussicht, irgendwann den Betrieb vom Vater zu übernehmen. Bei uns wars schlimm und als dann auch noch die letzten gegangen waren, da haben der Andi und ich eben beschlossen, auch hier abzuhauen. Daß der Thomas da mitkommen wollte, war uns anfangs überhaupt nicht recht. Der hatte nur Unsinn im Kopf und konnte nicht ein einziges ernstes Wort rausbringen. Naja was solls, haben wir gesagt und dann haben ich und der Andi beim Dillinger unterschrieben. Da hieß es erst, wir sollten in Südfrankreich auf die Anderen stoßen, tatsächlich haben wir uns aber erst in Gibraltar getroffen. Das war schon eine Mordsgaudi, überhaupt da runter zu kommen. Zwei Tage lang haben wir versucht zu trampen und sind gerade mal bis Bozen gekommen. Da hats uns gelangt und wir sind mit dem Zug wieder Heim gefahren. Da hab ich mir den Porsche von meiner Schwester geliehen – natürlich hat die nichts davon gewußt – und wir sind losgebrochen wie die Verrückten. Der Andi ist ohne Pause bis nach Barcelona gefahren, ich hab gepennt und dem Thomas sind hinten auf dem Minibankerl die Beine eingeschlafen.“

Ostermeier, Weinzierl und Ahrens schaffen die 2.700 km lange Strecke von Traunstein nach Gibraltar in 22 Stunden und treffen dort auf drei weitere Fahrer: Kilian Haas, Martin Sennhofer und Hans Christian Brauer. Die Fahrzeuge hatten Sennhofer, Brauer und Haas bereits nach Südspanien gefahren und die Flotte in Gibraltar um zwei spanische LKW erweitert.

„Der Kilian und der Martin waren schon über eine Woche in Spanien. Da kann man sich leicht vorstellen, was für einen Blödsinn die in der Zwischenzeit anstellen konnten. Und dann war auch noch der Brauer mit dabei, der schon damals zu nix zu gebrauchen war. In meinen Augen war das eine völlige Idiotentruppe. Der einzige, der was getaugt hat war der Andi. Der hats dann auch irgendwie hingebracht, daß meine Schwester den Porsche wieder bekommen hat. Ich war damals echt ganz froh, daß ich mal eine Zeit lang von daheim weg war.“

Am Morgen des 20sten Januar 1977 brechen Markus Ostermeier und seine fünf Freunde mit der Fähre nach Tanger auf und beginnen einen für alle sechs ungeanhnten Tripp durch Nordafrikas staubige Hölle.

Ostermeier: „Wenn du überlegst, was die heute alles dabei haben, wenn sie in die Wüste fahren. Wir hatten ja eigentlich gar nichts. Nicht mal eine vernünftige Schaufel. Der Bus und der Deutz waren voll bis auf Anschlag mit alten Küchenteilen, die der Haas in Afrika verchecken wollte. Ja und der Rest war auf die zwei Transporter verteilt, damit wir wenigstens noch den einen haben, wenn der andere auf der Strecke bleiben sollte. Das darf man sich nicht so romantisch vorstellen. Wir haben zwischen Benzinkanistern und Ersatzreifen geschlafen. Und kistenweise Konserven in allen Fahrzeugen. Was anderes kann man da eh nicht mitnehmen bei der Hitze.“

Ostermeier und seine Crew veruchen, ihren Konvoi – einen Setra S6 (ehemals Polizei Traunstein), einen  dunkelblauen Magirus Deutz Merkur, ehemaliger Gerätewagen des THW/Luftschutzdienstes Traunstein, einen gelben Mercedes LA 911 irgend eines spanischen Fernmeldeamtes, einen bordeaux-roten Benz 319 einer spanischen Umzugsfirma sowie einen weißen Benz 319 der Johannieter Unfallhilfe – quer durch die Sahara nach Lagos zu steuern – durch ein Gebiet, daß schon immer für Armut und Unterdrückung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit bekannt war, aber auch für Einsamkeit, Weite und absolute Urgewalt. Das und die verlockende Aussicht auf eine attraktive Prämie waren wohl ausschlaggebend für die Sechs, ihr Leben jeden Tag aufs neue zu riskieren unter dem Vorwand , die Fahrzeuge ordnungsgemäß und noch vor Frühlingsbeginn in Lagos abzuliefern. Dabei führt sie ihre Route von Marokko aus über Algerien, das heutige Niger bis nach Nigeria an den Golf von Guinea.

„Erst haben wir gedacht, wir machen es uns einfach und fahren immer an der Küste entlang. Kann ja nicht so schwer sein und Lagos ist ein Hafen, also müssen wir da irgendwann mal rauskommen.
Aber schon in Rabat haben sie uns da gründlich von abgeraten. Was meinst den Du, damals gabs da keine einzige zusammenhängende Straße und jede Kiste wog ja mehrere Tonnen. Damit quer durch die Wüste oder was? Außerdem soll es jede Menge Rebellen dort gegeben haben. Ist ja heute kein Deut anders. Am besten sollten wir so lange wie möglich nördlich der Sahara bleiben und dann über Algerien runter und auf die Tanezrouft-Piste. Haleluja, damit hatten wir null gerechnet. Außerdem hatten wir nur eine feste Summe zum Tanken dabei und der Haken nach Osten kostete sicherlich zehn bis fünfzehn Tankfüllungen extra. Und die beiden Kinder, der Brauer und der Ahrens hatten noch nicht mal einen gültigen Pass dabei. Und dann quer durch´s Niemansland. Jetzt stell dir das mal vor: Ein grüner Bus, ein weißer Krankenwagen, ein gelber Postlaster, ein roter Laster und der Blaue vom THW. Von Oben waren wir die Flagge von Jamaica, man.“

Tatsächlich gelingt es, die Lastwagen von Casablanca über Fes bis nach Benimathar zu bringen. Aber erst in Tiaret stechen die fünf Fahrzeuge Richtung Süden in die Sahara und verlieren so gut drei Tage.

„Unsere Karten waren unter aller Sau. Ich glaube, im Krankenwagen lag der Esso Weltatlas und ich und der Andi, wir hatten eine Straßenkarte von Nordafrika, die wir uns in Casablanca ergaunert hatten. Karten waren absolute Mangelware. Wir hätten Kamele kaufen können oder Hammel, Frauen, jedes erdenkliche Ersatzteil für unsere Kisten aber keine brauchbare Karte für die Sahara. Der Kilian war die Strecke schon mal gefahren. Der Kilian – der konnte sich noch nicht mal an den Heimweg von unserer Stammkneipe nach Hause merken. Die Namen von Oasen klanken echt authentisch, aber sie standen nicht im Esso-Atlas und meine Nordafrika-Karte hörte in In Salah auf. Aber bis dahin war eh noch nicht viel passiert. Als wir in Laghouat zum ersten mal richtig in der Wüste standen, da war das ja noch echt aufregend. Ich hab noch niemals so einen Sternenhimmel gesehen. Und ich habs auch nie wieder. Das war, als wärst du komplett eingeüllt in ein schwarzes Handtuch mit zigtausend winzigen Löchern drin. Schon echt unvergesslich. Aber saukalt war die erste Nacht in der Wüste. Der Haas mußte unbeding den Wüstenfuch raushängen und auf dem Dach vom Deutz schlafen. Aber der war so leicht rund und mitten in der Nacht haben wir in laut fluchen gehört, als er runtergerollt war. Er hat aber nicht aufgegeben und ist echt wieder hochgestiegen.“

Bis Tamanrasset verläuft die Fahrt ohne weitere Zwischenfälle. Der Diesel des spanischen Möbelwagens hat einen Defekt und muß repariert werden. Ostermeier und Weinzierl können den Schaden aber beheben und in Tamanrasset sogar Ersatzteile erstehen.

„Das muß man sich echt mal vorstellen. Wir waren mitten in der Wüste und außer einem vertrockneten See, so ein paar Hütten und jede Menge scharfer Felsen gabs da absolut nichts. Aber eine Lichtmaschine für die beiden 319er gabs schon. Die hab ich beim Bürgermeister gekauft. Das war der einzige, der nicht in Wellblechhütten gehaust hat. Der hatte eine Werkstatt und circa fünfzehn Kinder. Frauen hast du aber keine gesehen. Wir haben da eine Nacht gepennt und den Kindern von unserem Tulip-Büchsen was abgegeben. Dafür haben die die ganze Nacht Wache um unsere Kisten gestanden. Der grüne Bus hat ihnen am besten gefallen. Klar, der hatte wenigstens zwanzig Fenster oder so, auch oben am Dach und der Bullenstern war auch noch dran.
Am nächsten morgen haben wir dann kurz nachdem man da so raus aus dem Gebirge kommt so einen Hippibus aufgelesen. So ein VW-Ding, wie sie damals überal in der Wüste rumgegurkt sind. Ja, das waren auch ganz lustige Typen, so lange Haare und Bärte wie ZZ-Top. Die waren wohl original da seit zehn Jahren hängen geblieben. Und ihre Kiste hat ausgesehen – da war nicht mehr viel dran, was den Rost zusammen halten konnte. Der Martin hielt dann echt gnadenhalber an und nach einer Weile kam er mit dem Bulli im Schlepp hinter uns her. Seitdem hatten wir die am Hintern kleben.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach hielten sich im Januar 1977 mit einem Samba T1 hinter Tamanrasset auf, um an ihrer Doktorarbeit in Geologie zu arbeiten. Sie hatten sich am Fuß des Gebirges für ihre Forschungszwecke relativ fest eingerichtet. Ihr Basislager, der Bulli diente nicht nur als Schlafplatz sondern war in gut zwei Monaten ein geologisches Museum auf Rädern geworden.

Bernd Koch: „Die Typen hatten noch nicht mal eine Karte dabei. Sechs völlig verwahrloste Typen wie die Bären in fahrenden Ruinen. Der eine hing etwas hinterher und qualmte, als würde er gleich in Flammen aufgehen. Als der Typ ausstieg und auf uns zu kam dachte ich erst, der will uns vermöbeln. Aber dann sprach er uns an und bat uns um die genaue Position. Die gab ich ihm. Er wollte gerade gehen, da drehte er nochmal um und fragte uns, was wir hier so machen und ob wir nicht Lust hätten, ein Stück mit ihnen zu fahren. Wir hatten den Bus voll mit Proben für meine damalige Arbeit und ein Zelt, jede Menge Werkzeug, Tanks und Kisten mit Proviant auf dem Dach. Im Bus war gerade so viel Platz, daß man halbwegs liegen konnte. Dazu war der Bulli mit dem Gestein derart aufgelastet, daß wir echte Bedenken hatten was unsere Heimfahrt anging. Außerdem hatten wir noch keine Ahnung, wie wir das ganze Zeug über die Grenze nach Hause bringen sollten. Da hat der Typ uns den Vorschlag gemacht, daß er das ganze Geröll, wie er sich ausdrückte, auf seinen Lastwagen packen wollte, wir also ein haufen Sprit sparen würden und es außerdem noch bequemer hätten. Daß die ganz was anderes von uns wollten und daß wir am Schluß nicht nur das Gestein sondern auch noch die anderen Typen mit an Bord haben sollten, davon war ja zu dem Zeitpunkt noch nichts zu ahnen.“


(Fortsetzung folgt)


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