KEINE AHNUNG (TEIL2)

21 02 2011

Teil 2: Im Polizeibus durch Satans Garten

Bernd Koch und Tobias Auerbach schließen sich mit ihrem Bulli T1 dem Konvoi an und begleiten Markus Ostermeier und sein Team auf der geplanten Route nach Agadez. Kurz hinter Tamanrasset jedoch ereignen sich zahlreiche ungeahnte Zwischenfälle, die den Konvoi von der geplanten Route abbringen und eine gefährliche Strecke quer durch die Sahara einschlagen lässt.

„Wir hatten kaum die Steineklopfer im Schlepp, da ging auch schon die ganze Kiste mit den Überfällen los. Als hätten sie nur darauf gewartet. Erst haben wir sie nur von der Ferne gesehen. Anscheinend haben sie sich nicht so nah an uns heran getraut oder wollten nur sicher sein, daß wir auch weit genug aus dem Gebirge raus sind. Und dann – zack – kam der erste Angriff. Der Christian fuhr als letzter mit dem Bus. Den haben sie sich rausgesucht. Erst fuhren wir noch eine Weile parallel zusammen auf der Piste. Die Bullifritzen scheren plötzlich nach links weg in die Pampa und das hat die Typen wohl gereizt. Jedenfalls die drauf auf den Bus. Die sind von ihrem Laster einfach während der Fahrt auf den Bus geklettert, wenigstens fünf oder sechs. Der Christian hat dabei die Nerven verloren und ist mit der schweren Kiste auch nach links abgezogen. Außer dem grünen Bus hatten wir noch im Deutz und im Krankenwagen ein Funkgerät an Bord. Ich hab dem Martin dann über Funk gesagt, er soll mit seinem LKW hinterher. Ich dachte, er könnte vielleicht die Typen abschrecken. Und außerdem haben wir dann gleich einen starken Wagen, der den Bus da wieder rausziehen könnte. Das hat auch funktioniert. Wir anderen sind auf der Piste geblieben. Was hätten wir machen sollen. Die Hippifritzen sind aber irgendwie dazwischen mit der Krümelkiste und haben irgendwas mit den Typen ausgehandelt. Plötzlich waren sie weg. So schnell konnten wir gar nicht schauen. Das war aber noch lange nicht alles.“

Tobias Auerbach, der technisch versierte Beifahrer von Bernd Koch, beurteilte die Situation wie folgt:

„Um den Bulli nicht zu einseitig aufzulasten, hatten wir die Kisten mit den Gesteinsproben immer vorne unter unseren Füßen gehabt, die Tanks waren hinten über dem Motor und auf dem Dachträger verstaut, das Werkzeug, die Ersatzteile und das ganze Equipment für die Fahrt war auch hinten auf dem Träger untergebracht. Weil die Spinner uns die Kisten mit den Proben unbedingt abnehmen wollten haben wir das Fahrzeug neu umlasten müssen. Unter anderem hatten wir das zweite Ersatzrad auf Felge noch zusätzlich vor das andere an der Schnautze angebracht. Das Werkzeug lag jetzt vorne und die Tanks in der Mitte. Damit war der Bulli ziemlich ausgewogen belastet. Trotzdem hatten wir auf der Hoggar-Piste ein ganz schönes Geschaukel im Wagen. Dazu kam, daß wir nicht nur den ganzen Dreck von den LKW abbekamen sondern auch den ganzen Dieselqualm von dem Möbelwagen. Den hatte es offensichtlich ganz schön erwischt und ich verstehe heute noch nicht, was der in dem Konvoi zu suchen hatte.
Wir hatten fast zwei Monate im Hoggar-Gebirge gegraben und gesammelt und uns schon gut an die Hitze gewöhnt. Die Bayern hatten da weit größere Probleme. Dazu waren alle ständig nervös und gereizt. Als dann die Rebellen mit dem Unimog kamen, hat der Hans-Christian, der den Bus fahren mußte, die Nerven verloren und ist mit dem schweren Fahrzeug einfach von der Piste in die Dünen gedonnert. Wir sind sofort hinterher. Die Einheimischen wollten sich den Polizei-Bus offensichtlich näher ansehen. Wir hielten neben dem Unimog. Bernd sprach gut arabisch, das half uns oft. Aber die Vier hier wollten uns nicht verstehen. Zwei von ihnen hatten eine Art Militäruniform an. Die beiden anderen waren komplett in Tücher gehüllt. Wir boten ihnen Wasser und Polaroid-Bilder an. In dem grünen Bus lag jede Menge Schrott und altes Küchenmobiliar – offensichtlich waren sie bereit, etwas dagegen zu tauschen. Wir gaben ihnen einen Wasserhahn und eine Kaffeemaschine, sie ließen uns in Ruhe. Damit war dann der Handel abgeschlossen. Die beiden mit den Tüchern halfen sogar noch beim Freischaufeln, der Bus stand vorne bis zum Kühler im Sand.
Nach einer Stunde kam dann der blaue LKW vom Martin. Wir hatten die ganze Zeit den Funkverkehr der anderen mitverfolgen können und nur gehofft, daß keiner der Einheimischen auch nur ein Wort Deutsch sprechen würde. Als die Tuareg dann wieder weg wahren, hat der Andreas Weinzierl dann erst mal eine Gardinenpredigt vom Stapel gelassen, weil der Christian sich so schnell von der Straße hätte abdrängen lassen. Wir hätten außerdem ab sofort ganz vorne zu fahren – was uns nur recht war. Die waren alle richtig gereizt und wir wollten keinen Stress mit denen haben.“

Mit einiger Mühe gelingt es, den Bus zurück auf die Piste zu bringen. Von nun an fahren Bernd Koch und Tobias Auerbach dem Konvoi voran. Doch schon nach wenigen Kilometern erfolgt der nächste Zwischenfall.

Kilian Haas: „Die verdammt Hitze hat uns alle total fertig gemacht. Jeden Tag vierzig, fünfzig Grad im Cockpit. Dazu der Staub vom Vordermann und die schlechten Pisten. Da liegen einem die Nerven natürlich blank. Wasser hatten wir genug. Aber der Ostermeier hat seit dem Überfall kein Auge mehr zugetan und war ständig überall. Ich hatte noch Glück, weil ich da noch keinen CB an Bord hatte. Aber der Weinzierl hat mir echt leid getan, der mußte sich das ständig anhören. Wir waren verdammt unvorsichtig gewesen. Wenn wir im Gebirge angegriffen worden wäre, hätten wir wahrscheinlich den Bus samt dem Brauer verloren. Da lagen überall alte Autos auf dem Dach und in den Schluchten lagen die Tankwagen. Und die Strecke war nur dann zu ertragen, wenn Du mit wenigstens achzig Sachen über die Wellblech-Piste gedonnert bist. Das ging oft stundenlang, das Gerüttel hat einem das Gehirn weichgeschüttelt. Als wir dann noch knapp 160 Meilen von der Grenze entfernt waren, hat sich meine Kiste verabschiedet. Da hingen wir erst mal zwei Tage. Der Weinzierl hat Tag und Nacht unter dem Diesel gehangen, der Ostermeier wollte nochmal zurück nach Tamanrasset und irgendwo Teile für den Dreineunzehner auftreiben. Schließlich haben wir alles aus dem Krankenwagen ausgebaut und meine Kiste wieder an den Start gebracht. Der Ostermeier wollte unbedingt den Möbelwagen durchbringen – keine Ahnung.“

Die Truppe läßt den Krankenwagen weitgehend ausgeschlachtet zurück. Motor und Getriebe werden getauscht und die E-Anlage zusätzlich in den spanischen Möbelwagen eingebaut. Nach einer Pause von fast drei Tagen setzt sich der Konvoi Richtung Agadez in Bewegung.

Ostermeier: „Wir kamen einfach nicht mehr vernünftig voran seit Tamanrasset. Die Hitze war echter Wahnsinn. Und dann die Sache mit dem Benz. Eigentlich hatten wir den nur dabei, um Ersatzteile für den Krankenwagen zu haben. Aber dann war mir klar, daß der Transporter weit mehr brachte in Lagos als der ausgediente Krankenwagen. Da haben wir es genau umgedreht gemacht und haben den Laster wieder hergerichtet – so gut das in der Wüste eben ging. Aber dann fing der Ostwind an und wir hatten keine Minute Spaß mehr. Der Sand kroch durch alle Ritzen. Wenn man aufgestanden ist vom Sitz, ist einem ein richtiges Rinnsal aus der Hose gerieselt. Wir glaubten echt, das ist jetzt das Ende. Aber in der Nacht kam dann erst der richtige Sturm. Da haben wir eine Wagenburg gemacht und konnten wieder einen ganzen Tag abschreiben.“

Bernd Koch: „Das Gebiet, das wir durchfuhren, hieß nicht umsonst Satans Garten. Der Sturm zwang uns zum Abwarten. Warum Weinzierl und Ostermeier dann allerdings ihre Fahrzeuge von der Piste weg in die Dünen stellten, bleibt bis heute ihr Geheimnis. Tobi und ich versuchten, den Bulli so weit wie möglich mit Planen zu schützen und verkrochen uns dann in den Bus. Das Wetter dauerte dann eine ganze Nacht. Solche Sandstürme sind nichts ungewöhnliches in der Gegend. Wir hatten vor einem Monat einen ganz anderen Sturm erlebt. Am morgen hatte der Sturm nachgelassen. Die Reinigung der Sachen dauerte gut einen Tag. Es gabt keine Stelle, in die der Sand nicht eingedrungen war und man kann sich vorstellen, wie schnell man hier draußen ohne Schutz für immer verloren ist. Wir waren eigentlich startklar für die nächste Etappe. Nur der grüne Bus hing wieder fest. Diesmal hing er auf einer Seite bis über die Fenster im Sand. Der Stürm hatte über Nacht eine Düne gefährlich nah an die Fahrzeuge geweht. Wir hatten unsere zwei Spaten und die dünne Schaufel aus dem blauen THW-Laster. Damit schaufelten wir bis in die Abendstunden. Der Andreas Weinzierl sprang im Viereck und uns hing die Zunge bis zum Boden. Niemals hab ich höhere Temperaturen erlebt. Nichts konnte man anfassen, nichts essen, das nicht im eigenen Sud schwamm. Die Getränke waren nahezu kochend heiß. Im Schatten maßen wir fünfundvierzig Grad. Es ging an unsere Kraftreserven und Tobi und ich waren kurz davor, uns vom Konvoi zu trennen. Markus Ostermeier überredete uns dann doch noch. In der Wüste hilft man sich gegenseitig, sonst ist man verloren.“

Die von Koch und Auerbach geplante Route nach Maradi über Agadez sieht vor, die schweren Fahrzeuge auf einer möglichst stabilen Piste in den Süden zu führen. In der Nähe von Arlit befindet sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein weitläufiges Tagebau-Gelände. Der Abtransport des geförderten Gesteins erforderte wenigstens halbwegs befestigte Straßen für schwere Lastwagen. Am Grenzübergang zwischen Algerien und Niger, den der Konvoi auch auf Grund des schlechten Wetters und der immer wieder verwehten Fahrbahn erst eine Woche nach Aufbruch in Tamanrasset erreicht, wird jedoch schnell klar, daß die einzige derzeit befahrbare Strecke über die weit westlicher gelegene Buckelpiste In Guzzeam, Ingal nach Agadez führen soll. Die Treibstoff- und Trinkwasserreserven, die fast gänzlich erschöpft waren, werden neu aufgefüllt und die Grenzformalitäten abgewickelt. Am Morgen des 14. Ferbruar 1977 öffnet sich schließlich nach zähen Verhandlungen bezüglich der Verzollung der Fahrzeuge der Schlagbaum und die Truppe um Markus Ostermeier startet ein weiteres Mal ins Ungewisse.

„Wir hatten die Nase echt gestrichen voll von dem ständigen Gequatsche an der Grenze.“ Ostermeier erinnert sich: „Die wollte natürlich unbedingt die Fahrzeuge neu verzollen. Einer von den Hippis konnte aber ganz gut Arabisch. Die haben irgendwas gedreht, dafür durften wir zwei Tage vor der Schranke warten. Dann fährt man am Schlagbaum vorbei und ist noch lange nicht raus aus dem Land. Wir dachten echt, daß wir die Hälfte hinter uns hätten und jetzt nur noch durch die Sahel-Zone und dann ab nach Lagos müßten. Aber nach knapp zehn Kilometer kam das Militär hinter uns her und  die haben überhaupt keinen Zweifel daran gelassen, daß wir sofort wieder umkehren sollten. Weil der Bus so voll war, blieb er beim Wenden gleich wieder im Sand hängen und wir mußten wieder Schaufeln. Die Militär-Fuzzis haben sich das Ganze mit angesehen und die ganze Zeit an ihren MGs rumgefummelt. Das war vielleicht ein Jubel, als wir wieder zurück in Algerien waren. Diesmal half auch kein Arabisch vom Hippifritzen. Ich und der Andi haben uns dann für eine neue Route entschlossen, aber dir würde halt etwas länger dauern.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach stecken eine fast unglaubliche Strecke Richtung Westen ab und hoffen, irgendwo bei Moktar auf die damals schon berühmt-berüchtigte Tanezrouft-Piste zu gelangen. Von dort wollen sie die Grenze nach Mali überqueren. Die Route soll sie über Labbezanga zurück nach Niger bringen. Vom wesentlich westlicher gelegenen Niamey aus wollen sie schließlich über Kamba nach Nigeria kommen. Der Umweg soll die Truppe letztlich fast drei Wochen kosten. Markus Ostermeier über den weiteren Verlauf der Fahrt:

„Ja, irgendwie waren die beiden Hippis garnicht so schlecht. Die konnten sogar noch nach den Sternen fahren, wenns nötig war. Gefahren sind wir zunächst eigentlich nur noch nach den schwarzen Stempen, die irgendwo in der Landschaft rumstanden. Dann kamen Dünen und dann war auch irgendwann Ende mit der Piste. Der Boden war mal hart, dann wieder völlig sandig. Jedesmal blieb der Bus irgendwo hängen. Es war der pure Wahnsinn. Die Pisten laufen meistens von Norden nach Süden. Kein Mensch fährt von Osten nach Westen. Wir haben dann so einen Wadi erreicht und von da ab wenigstens nur Steine im Weg gehabt. Der Deutz hatte die beste Bereifung, also fuhr der Martin vorweg. Dann der Setra und dann der Haas mit dem Möbelwagen. Ich und der Andi, wir hatten den neunelfer Fernmeldewagen. Die Hippis mit dem Bulli waren auch irgendwo mit dabei. Das ging dann gut sechshundert Kilometer durch die absolute Pampa. Wenn dir da der Sprit ausgeht, bist du verratzt. Der Möbelwagen mit den kleinen Rädern hat die meisten Probleme gemacht. Nach zweihundert Kilometern hatte ihn der Martin dann mit der Stange geschleppt. Die beiden Kinder im Bus hatten eigentlich das beste Leben, weil die nur dem Martin hinterher fahren mußten. Aber eines hatte die Sache auch für sich: Hier war es so einsam, da kam nicht mal zufällig jemand vorbei. Also hatten wir vor den Wüstensöhnen unsere Ruhe.“

Bernd Koch: „Seit In Guezam fuhren wir dem Trupp voraus. Wir hatten vor einiger Zeit von einer Querverbindung zwischen den beiden bekannten Nord-Süd-Pisten gehört. Ein Einheimischer hatte uns auf meiner Karte sogar ein paar Skizzen gemacht. Allerdings waren wir uns nicht sicher, ob wir auch tatsächlich auf der richtigen Route waren. Der Bulli war großartig. Auf der ganzen Strecke hatte er keine Mucken gemacht und seit wir das Gewicht umverteilt hatten, stand er zwar schwer aber stabil im Gelände. Nach zweihundert Kilometer durch sandiges Gelände war letztlich klar, daß wir den großen Bus nur auf härterem Boden weiterbringen konnten. Immer wieder mußten wir weit nach Norden oder Süden ausweichen, um riesige Dünenfelder zu umfahren. Endlich sind wir auf den Wadi gestoßen, den uns die Tuareg genannt hatten. Er verlief erst eine Weile nach Norden und wir verloren wieder kostbare Kilometer, die wir uns schon erarbeitet hatten. Aber einen anderen Weg durch das nun folgende Gebirge hätte es nicht gegeben. Wir fuhren dem Konvoi immer gut zehn Kilometer voraus und trafen immer wieder auf vereinzelte Tuareg-Siedlungen. Mehrmals gelang es mir, mich nach dem Weg zu erkundigen und wurde jedesmal bestätigt, daß unsere Route richtig sei. Laut Karte fuhren wir immer genau auf der Grenze zwischen Algerien und Mali, bis schließlich kein Weiterkommen mehr Richtung Westen war, wenigstens nicht mit den schweren Fahrzeugen. Wir mußten etliche Kilometer nach Norden einschlagen, fuhren  an dem Tag nicht mehr las knapp dreizig Kilometer und verbrauchten viel zu viel Sprit. Vor allem der Bus machte uns die Probleme. Es war zum verzweifeln und die Stimmung bei den Spinnern war unerträglich. Immer wieder mußte ich ihnen klar machen, daß Umkehren den sicheren Tod bedeuten würde, da sie keinesfalls ausreichend Treibstoff mehr hätten. Nahezu in der letzten Minute vor der Eskalation gelangten wir in einem ausgetrockneten Flußtal auf die Spuren anderer Fahrzeuge. Außerdem verdeutlichte ein bestimmt vier Meter hoher Turm aus alten LKW-Reifen, daß wir uns in der Nähe einer größeren Piste befinden mußten. Nach fast einer Woche endloser Strapazen erreichten wir dann endlich die Tanezrouft-Piste und noch am Abend des gleichen Tages Tessalit.“

(Fortsetzung folgt)


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