KEINE AHNUNG (TEIL 3)

24 02 2011

Teil 3: Fasching

„Am meisten hat mir eigentlich die Musik gefehlt,“ so Markus Ostermeier. „Wir waren immer gut mit Wasser versorgt. Der Andi hat da genau drauf geachtet. Sprit ist uns nur einmal ernsthaft knapp geworden, das hat dann aber irgendwie gut hingehauen. Aber wenn du das Radio angeschaltet hast, kam von morgens bis abends dieser monotone Singsang. Auf allen Kanälen. Die hatten ja nur zwei oder drei. Also auf allen drei Kanälen Singsang. Man, das hat uns echt den Nerv angesägt. Und dann waren wir endlich durch diese Hölle, die uns die beiden Scherzkaiser eingebrockt hatten draußen und in der Oase angekommen und schon gings weiter mit dem Gesinge, aber diesmal in Natura. Aber das war uns dann erst mal egal. Unsere Kisten sahen alles andere als verkaufsfrisch aus. Den Bus hatte es etwas am Kühler erwischt. Da war nicht mehr viel dran vorne. Und dem Möbelwagen  gings wie uns: Völlig ausgelaugt. Dann hab ich erst mal das ganze Gerümpel aus dem Bus in den Transporter umgeladen und wir hatten einen bequemen Schlafplatz, der auch noch geschlossen war. Da hätte ich echt früher drauf kommen können, echt wahr.“

„Als wir in Tessalit ankamen, war von uns allen nicht mehr viel übrig. Die Abkürzung hatte sich als absolute Falle herausgestellt. Da wären wir selbst über In Salah viel schneller gewesen, selbst wenn wir da tausend Kilometer verschenkt hätten. Außerdem hat der Spaß meine ganzen Küchenteile gekostet. Jedesmal, wenn was geklemmt hat, mußten wir wieder ein Brett aus dem Bus holen. Eins nach dem anderen ging so flöten und am Schluß blieb nur noch das Eisenzeug übrig, eine Spüle und ein paar Rohre. Das hab ich dann an der Grenze hergeben müssen, sonst hätten die Militzenheinis uns niemal weiterfahren lassen. Aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte gewesen. Der Andi hat jedesmal eine neue Konstruktion erfunden und den Bus immer wieder aus dem Ärgsten rausgeholt. Der Brauer und der Ahrends hatten zu schuften wie die Tiere. Ich glaube, daß sich der Thomas Ahrends dabei auch das Schlamassel mit dem Fieber zugezogen hat. Der hat am Ende nur noch geschaufelt und der Brauer mußte immer wieder die Schleppleine anbringen. Die haben mir echt leid getan, die Beiden. Der Martin mit dem blauen Deutz hatte mich eigentlich die meiste Zeit an der Stange geschleppt. Die VW-Fritzen waren oft Stunden voraus und Markus und Andi ließen sich genügend Zeit, um nicht beim Busschaufeln mitmachen zu müssen. Völlig erschöpft war der Kleine und ist uns dann natürlich zusammengeklapt.“ Kilian Haas verliert auf der Fahrt bis Tesalit seinen gesamten erhofften Nebenverdienst, der aus dem Verkauf der Küchenmöbel und Geräte herausspringen soll. Die Milizen beschlagnahmen die letzten noch verbliebenen Eisenteile.

Der Konvoi erreicht die Sahel-Zone, Thomas Ahrends erkrangt ernsthaft und kann den Bus nicht weiter fahren. Christian Brauer übernimmt das Fahrzeug, das im Laufe der nächsten Etappe zum fahrenden Krankenlager mutiert. Andreas Weinzierl baut eine Sitzreihe aus, der fiebrige Ahrends wird dort auf eine Matratze auf den Boden gelegt und mit Aspirin versorgt. Weitere medizinische Versorgung findet vorerst nicht statt. Bis Menaka soll Ahrends aushalten. Dort vermuten Bernd Koch und Tobias Auerbach laut ihrer Karte einen Flughafen. Aber erst in Niger und etliche hundert Kilometer weiter kann der mittlerweile kaum noch ansprechbare Ahrends zu einem Arzt gebracht werden. Allerdings werden die Straßenverhältnisse immer besser, je weiter sich der Konvoi Richtung Süden bewegt. In Niamey beschließt Markus Ostermeier und sein Team, ihren kranken Freund in ein Flugzeug zu setzen und nach Hause zu bringen. Brauer soll ihn begleiten. Ahrends mobilisiert sämtliche Kräfte und will weiter bei der Truppe bleiben. Sie erhalten Medikamente und eine Impfung. Es stellt sich heraus, daß es sich bei dem Fieber nicht wie zunächst befürchtet um das gefährliche Kongo-Grippe Virus handelt. Somit glaubt die Gruppe weiterhin daran, auch die letzte Etappe, tausend Kilometer bis Lagos zu schaffen, dort die Fahrzeuge zu verkaufen und den Heimweg antreten zu können.

„Endlich kamen wir aus dem Meer aus Sand wieder in etwas gemäßigtere Gefilde“ schreibt Bernd Koch in seine Reiseaufzeichnungen vom Februar 1977. „Tobias und ich waren fast drei Monate in der Wüste gewesen und hatten alles eingesammelt, was uns für unser Projekt hilfreich erschien. Eigentlich hatten wir uns ganz gut eingelebt. Über die Heimfahrt hatte weder Tobias noch ich bisher nachgedacht. Wir hatten nicht damit gerechnet, daß der Aufbruch so schnell kam. Wir hatten außerdem nicht damit gerechnet, daß wir uns einem Haufen von völligen Chaoten angeschlossen hatten. Die Ausrüstung für deren Vorhaben war erbärmlich und bestand eigentlich nur aus kaputen Trödel. Wir hatten die Karten, sie das Ziel.“

Tobias Auerbach: „Wir hatten endlich die gefährliche Passage bis Tessalit hinter uns, als Thomas Ahrends krank wurde. Ab dem Zeitpunkt wurde für die fünf anderen die Weiterfahrt zur einer Art Ralley Paris-Dakar. Bis zur Grenze nach Niger waren bestimmt noch dreihundertfünfzig Kilomerter zurückzulegen. Danach gab es nochmals eine lange Etappe bis Niamey. Das zogen die an einem Tag durch. Nicht, daß wir die schöne Aussicht genießen wollten, aber wir waren schließlich zum ersten mal hier und hatten uns die Fahrt durch die Sahelzone etwas anders vorgestellt. Der Tacho in unserem Bulli war ausgebaut, den hatten wir auf einem Automarkt vor einigen Wochen gegen weitere Lebensmittel getauscht. Von allen Instumenten schien mir der Tacho in der Wüste das unnötigste Instrument. Jetzt bedauerten wir es sehr. Zum einen ließ sich die Entfernung immer nur schätzen, zum zweiten hätte ich gerne gewußt mit wie viel Stundenkilometern wir durch die Landschaft donnerten. Der Bus wirbelte unglaubliche Staubwolken auf und die nachfolgenden Fahrzeuge mußten einen erheblichen Abstand halten. Und dann haben wir doch noch geschafft, was wir in drei Monaten Wüste zuvor nicht geschafft hatten: Bei geschätzten 1oo Stundenkilometern ging uns in einem Schlagloch die Antriebswelle flöten, als wir zudem auch noch über einen riesigen Steinbrocken schrammten. Der Schaden war nichts wirklich Ernstes, die Reparatur wurde aber zur absoluten Geduldsprobe. Erst verloren wir die Lagermurmeln, als ich das Lager zu weit abdrehte. Sie fielen in den sandigen Boden, eine ging dabei für immer verloren. Eine Ersatzwelle hatten wir dabei, nicht aber die Kugeln für das Lager. Ich hab dann dennoch das Lager wieder zusammengebaut. Ersatz würden wir schon sicher bald wieder bekommen. Aber die übrigen Kugeln wieder ins Lager zu bringen brachte uns beinahe an den Rand des Wahnsinns. Zum Glück waren die Spinner weitergefahren und wir hatten alle Zeit der Welt. Von ihnen drehte keiner um oder wartete auf uns. Ärgerlich und bedenklich war nur, daß die unsere Kisten mit den Steinen in einem ihrer LKW hatten. Als das Gefummel mit dem Lager endlich geschafft war stellte sich heraus, daß ein Anschlagring falschherum aufgesetzt war. Es war längst Nacht, als wir mit unseren Reparaturen fertig waren. Wir verbrachten die erste Nacht seit über zwei Wochen wieder alleine und ohne das mittlerweile obligatorische wenn auch lauwarme Abendbier aus dem Polizeibus.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach folgen dem Konvoi mit einem Tag Rückstand. Es gelingt ihnen jedoch nicht mehr, dei Truppe von Markus Ostermeier einzuholen. Dennoch treffen sie Markus Ostermeier, Andi Weinzierl, Martin Sennhofer und Thomas Ahrends an anderer Stelle wieder.

Ostermeier: „Mir dem kranken Kind an Bord sind wir dann etwas auf die Tube getreten. Das hatte auch was Gutes für sich: Die Hippifritzen waren wir damit erst mal los. Der Deutz war etwas schwach auf der Brust, was die Geschwindigkeit anging, der fuhr uns nach. Wir anderen traten aufs Gas, wie es nur ging. Wenn ich mir überlege, daß wir uns über sechshundert Kilometer in die Hände dieser Wahnsinnigen begeben hatten! Die hatten noch nicht mal einen Tacho in ihrer Blechbüchse. Damit sind die quer durch die Sahara. Das weiß doch jeder, daß man aus Kilometerstand, Uhrzeit und Geschwindigkeit so etwa seine Position bestimmen kann. Das mit dem Tacho kam aber erst ganz am Schluß raus. Irgendwas hatten sie die ganze Zeit über das Loch geklebt, keiner hatte was bemerkt. Der Weinzierl hat im Vorbeigehen an der Grenze mal so in den offenen Bus reingeschaut, da hat er´s dann gesehen. Da war einfach nichts an der Stelle. Kein Radio, kein Tacho, keine Uhr – nichts.

Die Straßen wurden dann etwas besser, wenigstens wieder sowas wie Piste. Da kam dann wieder etwas mehr Schwung in die Sache. Wir wollten eigentlich nur fünf LKW nach Afrika bringen und dann ab nach Hause. Zum Fasching hatte ich meiner damaligen Süssen zu Hause versprochen, wieder daheim zu sein. Fasching! Die ganze Fahrt war eigentlich ein einziges Kasperltheater. Der Sperrmüll vom Kilian war irgendwie weg, keine Ahnung. Dehalb hatten wir jetzt auch mehr Platz in den Kisten. Wir schliefen immer in unseren Autos, niemals im Freien oder in einem von den armseeligen Dörfer. Man, die waren so arm, das kann man sich heute garnicht mehr vorstellen. Ich hab da keinen einzigen Menschen gesehen, der nicht irgend eine Schramme im Gesicht gehabt hätte, auch die Kinder. Ein total vernarbtes Volk. In einem dieser Dörfer hat dann der Martin, glaube ich, eine Ziege überfahren. Die war nur noch Hackbraten. Da gabs vielleicht ein Geschrei im Dorf. Wir waren Gott sei dank schon durch aber wenn wir da gehalten hätte – gute Nacht Marie. Die hätten uns sicher gleich mit auf dem Spieß gedreht. Überhaupt war der Süden nicht mehr so meins.“

Martin Sennhofer erinnert sich:“ Ich war echt froh, daß wir das mit dem Thomas dann so gut hingebracht hatten. Wenn der uns in der Wüste verreckt wäre – den Streß hätte ich nicht haben wollen. Der Markus hat uns schon gereicht. Der ist gebrochen wie ein Wilder. Er natürlich vorneweg mit dem Bus. Der konnte dann immer schneller, weil die Piste irgend wann mal geteert war und da hat der natürlich alle hinter sich gelassen. Wir anderen konnten es etwas ruhiger angehen lassen. In der Stadt hatten wir dann endlich den Thomas zum Arzt gebracht. Da brauchte man wieder jede Menge Unterlagen und Bescheinigungen. Der Weinzierl hatte einen ganzen Ordner dabei, alles Kopien von Sonstwas. Für den Zoll – und auch unterwegs hat man uns immer mal wieder angehalten und dann mußte ein Papier aus dem Ordner rausgelassen werden und dann gings wieder weiter. Ich hab das ja immer nur so am Rande mitbekommen. Der Magirus war unglaublich langsam und deshalb war ich auch immer hinter den Anderen. Also hat mich bei den Kontrollen auch niemand mehr nach irgendwas gefragt. Spätestens am Benz hatten die keine Lust mehr, weiter nach irgendwas zu suchen. Wir hatten außerdem noch den einen oder anderen Trödel mit dabei. Wenn das mit den Papieren nicht reichte, gabs Kaugummiautomatenschmuck oder einen billigen Wecker oder sowas. Im Krankenhaus hatten die dann aber echte Papiere gebraucht. Das hat der Markus ganz gut gedreht. Der Thomas hatte ja noch nicht mal seinen Ausweis dabei, soweit ich mich erinnere.

Wo die zwei Bullitypen dann eigentlich geblieben sind – keine Ahnung.“

(Fortsetzung folgt)


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