KEINE AHNUNG (TEIL 4)

25 02 2011

Teil 4: Im präparierten Tank verstaut

Am 25. Februar 1977 erreicht das sechsköpfige Team von Markus Ostermeier mit allen verbliebenen vier Fahrzeugen nach rund neuntausenfünfhundert Kilometern zum Teil beschwerlicher Wegstrecke Lagos, die damalige Hauptstadt Nigerias, und den Golf von Guinea. Es gelingt ihnen, die Fahrzeugean dem Käufer wie vereinbart zu übergeben und den erhofften Erlös dafür zu erzielen. Kilian Haas und Hans-Christian Brauer beschließen, von hier aus die Heimreise mit dem Flugzeug anzutreten. Die anderen, unter ihnen der wieder genesene Thomas Ahrends, wollen auf dem Landweg zurückkehren. Markus Ostermeier, Andreas Weinzierl, Martin Sennhofer und Thomas Ahrends mieten sich in einer Pension am Stadtrand der Milionen-Metropole ein und verbringen einige Tage in Lagos. Das tropische Klima setzt Markus Ostermeier jedoch schnell zu. Daraufhin wird beschlossen, so schnell wie möglich die Rückfahrt zu organisieren.

Bernd Koch und Tobias Auerbach hingegen nehmen an der Grenze zwischen Mali und Niger eine weitere Verzögerung in Kauf und warten ihr Fahrzeug gründlich. In Anderamboukane zerlegt Tobias Auerbach erneut den Antrieb. Die fehlende Lagermurmel wird ersetzt, es stellt sich jedoch heraus, daß der gesamte Antrieb durch den schweren Schlag beim Aufsetzten des Busses erheblich Folgeschäden erlitten hat. Die Reparaturarbeiten nimmt er selber vor und es gelingt ihm, von Einheimischen einige wichtige Ersatzteile zu kaufen.

Bernd Koch in seinen Aufzeichnungen: „Tobias lag einen ganzen Tag unter dem Bus und ich verbrachte die Zeit damit, unsere zahlreichen Kameras und das ganze Filmmaterial so gut es ging unersichtlich in Kisten zu verstauen. Wir hatten in der Wüste einen speziellen Wassertank gebaut, der nicht nur Wasser aufnehmen konnte. Von außen sah er nicht anders als jeder andere unserer Wassertanks aus. Die Vorsichtsmaßnahme war berechtigt. Zum einen wußte ich nicht, ob wir die Spinner je einholen würden und ob es meine Gesteinsproben dann noch geben würde. Ich hatte alles gut dokumentiert und es gab mehr als ein dutzend Filme von den Funden. Also war das Filmmaterial bei Verlust unserer Gesteinskisten doppelt wichtig. Außerdem wußten wir nicht, ob die Grenzbehörden in Niger nicht prinzipiell etwas gegen das Fotografieren hätten. Der Bus sollte nach außen einen so unpektakulären Eindruck wie möglich machen. Wenn wir Pech hätten, würden wir ohnehin länger an der Grenze fest sitzen, weil wir nicht wußten, ob unsere Visa gültig wären oder wir letztlich über Benin nach Lagos kommen müßten.

„Mir war nicht wohl bei der Reparatur.“ So Tobias Auerbach. „Der Bulli hatte bei der Wüstendurchquerung mehr als erwartet gelitten. Nicht nur die Welle hinten schien mir recht provisorisch gerichtet. Es schien, als ob der Motor an Kraft verloren hätte. Wir waren hier nicht sonderlich hoch in dem Gelände und die Kompression war normal. Ich wollte spätestens in Niamey den Motor komplett überholen. Hier fehlten mir die wichtigsten Dinge. Einen ganzen Tag verbrachten wir an einem einfachen Wasserloch und fummelten an unseren sieben Sachen herum. Bernd bestückte unsere Schatzkiste erneut mit seinen Geheimzutaten; und ich glich den Einheimischen wenigstens Äußerlich immer mehr. Abends hatten wir uns in dem Dorf ein Bier geholt und mußten wohl etwas auffällig wieder in der Dunkelheit verschwunden sein. Jedenfalls hatten wir nachts dann Besuch ohne es zu merken. Erst am nächsten Tag stellten wir fest, daß sich jemand in unserem Ersatzteilenlager bedient hatte. Unter anderem fehlten die beiden Ersatzräder auf Felge, die wir dem Bulli auf die Schnautze gebunden hatten. Es hätte keinen Sinn gemacht, sich nach ihrem Verbleib im Dorf schlau zu machen. Außerdem hatten wir noch ein Reifenpaar auf dem Dach. Also wendeten wir dem Kaff den Rücken zu und wollten den Grenzübertritt wagen. Bernd brannte der Verlust seiner Steine unter den Nägeln und ich hatte ein ungutes Gefühl bei jedem Kilometer, ob uns der Motor die zweihundert Kilometer bis nach Niamey bringen würde. Es gibt nichts, was man am Bulli nicht selber machen kann, wenn man die Teile dazu hat. Uns gingen langsam die Ersatzteile aus. Zudem waren die alten Dichtungen im Motor hinüber und das Getriebe sehr laut geworden. Der Bulli verabschiedete sich auf Etappen und ich lag jeden Tag wenigstens eine Stunde unter unserem Auto. Nur gut, daß wir die zentnerschweren Kisten nicht dabei hatten.“

Bernd Koch:„Unterwegs fanden wir dann nach gut hundert Kilometern die erste Spur von unserem Konvoi. Zunächst fanden wir eine leere Bierkiste am Straßenrand, was nicht unbedingt eine Seltenheit ist. Aber da es die Kiste einer sehr speziellen bayerischen Brauerei war, schwanden alle Zweifel. Wenig später hielten wir in einem Dorf, um frisches Gemüse zu kaufen. Wir hatten seit drei Monaten keines mehr gesehen und es war klar, daß der Tobi sofort eine Gemüsesuppe machen wollte. Dort erfuhren wir von einem der Einheimischen, daß vor wenigen Tagen schon ein paar völlig Verrückte vorbeigekommen seine und das Dorf mit riesigen Lastwägen beinahe niedergewlzt hätten. Wir blieben den Abend, da wir eingeladen wurden und eine wie auch immer geartete Wiedergutmachungs-Verpflichtung uns fest hielt – und bekamen Ziege. Gebraten mit gedünstetem Gemüse. Es war ein Hochgenuss, einzig getrübt von meiner heimlichen Wut auf die Spinner, die wie ein Schwelbrand in mir glomm.“

Koch und Auerbach erreichen nach weiteren zwei Tagen schließlich auch Niamey und erfahren auf der Suche nach dem kranken Thomas Ahrends im zweiten Krankenhaus vom Besuch eines fieberkranken Deutschen. Der Vorfall läge schon gut eine Woche zurück. Wieder sinken die Chancen, den Konvoi noch zu erreichen und die beiden verabschieden sich gedanklich von ihren Proben. Während einer einwöchige Motorinspektion in einer Werkstatt, an dem ein handgemaltes VW-Emblem zu erkennen ist, richtet Auerbach zusammen mit einem französischen Werkstattmeister den weitgehend defekten Motor. Es gelingt, auch den Antrieb wieder zufriedenstellend zu reparieren. Ein Ersatzgetriebe ist nicht aufzutreiben. Koch und Auerbach brechen zu ihrer letzten Etappe nach Lagos auf. Von dort wollen sie sich samt Bulli nach Hamburg oder Rotterdam einschiffen. Zum Semesterende will Koch wieder in Deutschland sein. Zwei Tage später – am 7. März 1977 – erreichen auch sie nach einem nahezu viermonatigen Studienaufenthalt in der Sahara und einem atemberaubenden Umweg in den letzten drei Wochen zusammen mit dem Team von Markus Ostermeier gesund und ohne größere Schäden am Fahrzeug den Golf von Guinea. Bei der Einfahrt auf das Hafengelände fahren sie unabsichtlich und mit beinahe schweren Folgen den völlig verdatterten Markus Ostermeier über den Haufen.

(Fortsetzung folgt)


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