KEINE AHNUNG (TEIL 5)

2 03 2011

Teil 5: Mit einer Tüte voller Geld

„Mich hat fast der Schlag getroffen – das Tropenklima in Lagos unten hat mir echt zugesetzt. Nach der ganzen Wüste und so war das echt ein Hammer. Da lief einem das Wasser den Rücken runter nur vom Sitzen. Und ich mag´s schon gern eher warm. Jedenfalls konnte ich so kein Auge zu tun. Und außerdem hatte ich das ganze Geld. Was glaubst Du, wie sich das rumgesprochen hatte. Da war in nullkommanix die ganze Stadt auf den Beinen. Ich saß nachts auf dem Dach mit einer Machete – wie ein Samurai – und hab die Tüte mit dem Geld bewacht. Wir hatten uns in einer Art Puff eingemietet und da war von Haus aus schon mehr Gesindel unterwegs. Ich hab mich da regelrecht verbarrikadiert. Die Dachluke hab ich versperrt und alle Wege aufs Dach hatte ich im Blick. Und das sechs Nächte lang. Tagsüber hat der Andi dann das Geld bei sich gehabt – im Rucksack! Er hat gemeint, daß es so am sichersten ist, weil keiner vermuten würde, daß man ein Vermögen im Rucksack durch die Stadt trägt. Nach einer Woche hatte ich echt die Nase voll von der Stadt. Das muß man sich mal vorstellen: Vor nicht ganz zwei Wochen wären wir in der Wüste beinahe hängen geblieben und sind gut geröstet worden. Und jetzt saßen wir hier unten wie in einem türkischen Dampfbad. Der einzige Platz, an dem ich es aushalten konnte war der Hafen. Da war wenigstens immer etwas frischer Wind. Aber dafür war das wahrscheinlich das finsterste Dreckloch, daß ich je gesehen habe. Damals hatten die noch nicht alles auf Container umgestellt. Da lagen Berge von Säcken und Kisten und der Gestank war abartig. Aber es war wenigstens nicht so durchgedreht wie die Stadt. Und dann haben mich die Hippifritzen mit ihrer Gemüseschaukel aus heiterem Himmel einfach über den Haufen gefahren. Na da hing der Hammer aber erst mal tiefer! Denen hab ich erst mal bescheid gesagt, was hier nicht nach Plan läuft! Weiß der Geier, wo die plötzlich herkamen. Erst haben sie die ganze Zeit vertrödelt und dann wollten sie sich offensichtlich plötzlich an uns vorbei aus dem Staub machen. Aber so läuft das nicht mit Markus Ostermeier!“

Martin Sennhofer: “ Das war schon lustig, plötzlich waren wir alle wieder beisammen. Ich hab mich gefreut, daß die VW-Bus-Fritzen wieder dabei waren. Ich hatte ja eigentlich schon daran gedacht, ihre Kisten unterwegs abzuladen. Aber dann hab ich es irgendwie nicht fertiggebracht. Tat mir leid um die ganze Arbeit. Also hatte ich sie bis nach Lagos im Laster und dann bei uns an der Pension hinters Haus gestellt. Das war natürlich eine ziemliche Freude für die Beiden. Und dann ging´s an die Heimreise für uns. Die Bulli-Fritzen wollten eigentlich mit dem Schiff nach Hause, weil sie irgend ein Problem mit dem Motor hatten. Wir wollten noch bleiben und der Markus hats vom Klima her nicht mehr ausgehalten. Am Abend saßen wir alle bei uns auf dem Dach und schmiedeten einen Plan. Der Andreas und der Markus wollten sich unbedingt ein Auto kaufen und damit wieder nach Hause fahren. Die Bulli-Leute wollten mit dem Schiff fahren und Thomas und ich wollten bleiben. Das war nicht einfach aber am Ende hatten wir alle unter einen Hut gebracht. Wenn wir schon nach Hause fahren, dann alle zusammen und dann mit dem Bulli.“

Koch: „Ich dachte erst, ich höre nicht recht. Die Spinner wollten uns tatsächlich zum Bleiben überreden. Tobias und ich hatten schon unsere Tickets in den Händen und alles wäre klar gegangen, wenn nicht der Zoll wegen unseres Fahrzeugs Schwierigkeiten gemacht hätte.“

Ostermeier: „Die wären sowieso nie mit der Hitsche von da unten weg gekommen. Die hatten überhaupt keine Papiere und die Passage mit dem Schiff hätten die auch nie bezahlen können. Ich hab immer gesagt, sie sollen ihre Karre da unten verkaufen und vernünftig nach Hause fahren.“

Koch: „Da wollte der tatsächlich einen Peugot kaufen und sich damit die zehntausend Kilometer nach Hause auf den Weg machen. Keiner außer ihm wollte da mit. Wir hatten etliche PKW-Wracks auf der Strecke gesehen. Die lagen alle auf dem Dach, weil sie die Einheimischen umdrehen, um besser an die Teile zu kommen, wenn sie die Fahrzeuge komplett ausschlachten. Das sah immer aus wie tote Schildkröten und mir wurde ganz anders bei der Vorstellung, was wohl eigentlichen mit den Fahrern geworden ist.“

Ostermeier: „Die ganze Clique hat sich fast ins Hemd gemacht, aber irgendwie mußten wir ja wieder zurück. Ich hatte dann eins von diesen französischen Wüstenschiffen günstig an der Hand und das wäre auch gut gegangen. Aber die Hippis sollten ja unbedingt mit uns zurück.“

Koch: „Ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir uns dann auf die Bettelei eingelassen haben. Schließlich haben wir uns breit schlagen lassen und alle fuhren bei uns im Bus mit. Bis Algerien hieß es erst, später bis Marokko, am Schluß wollten sie in Spanien in den Zug steigen. Aber bis dahin lagen noch achttausend Kilometer vor uns. Einer von den Spinnern hatte tatsächlich unsere Kisten mit den Proben gerettet. Das fand ich irgendwie rührend. Darauf hin haben wir wohl ja gesagt.“

Das Team von Markus Ostermeier und die beiden Bulli-Fahrer einigen sich schließlich, die kürzeste Wegstrecke in Richtung Norden einzuschlagen und erst dann nach Osten auszuweichen, wenn die Pistenverhältnisse es nicht anders zulassen. Einige Probleme bereiten auch die teilweise fehlenden Papiere. Zoll und Polizei würden sicherlich noch erhebliche Probleme machen, so Ostermeier.

Tobias Auerbach: „Die Rückfahrt war dann ein totales Rechenexempel. Wie viel Zulast war maximal möglich und welche Mengen an Benzin und Wasser waren nötig. Jetzt waren wir zu sechst, was schon unter normalen Umständen ziemlich eng im Bulli geworden wäre. Das ganze war ein kompletter Schwachsinn, aber lustig. Daher habe ich mich breitschlagen lassen. Was wir nicht bedacht hatten war, daß außer dem weit höherem Spritverbrauch auch alle anderen Systeme im Bulli weit mehr beansprucht waren. Es war aus heutiger Sicht lebensgefährlich. Aber es war 1977, es war Afrika, es war Abenteuer und wir waren alle jung. Zunächst kostete der Spaß außer Sprit und Nerven nichts weiter als die Lust am puren Nervenkitzel.

Natürlich fiel auch als erstes die Bremse aus. Wir hatten fast 1400 kg Zulast und die Bremsen gingen einfach in die Knie. Der Hauptbremszylinder war dem Gewicht nicht gewachsen, dem er jetzt entgegenwirken mußte. Ich war wenigstens zwei mal am Tag damit beschäftigt, Reparaturen am Bulli auszuführen. Die Kisten mit unseren Proben haben wir in Lagos verschifft. Zielhafen: Rotterdam. Wenigstens die Sorge waren wir los. Das Hauptproblem war aber die unbedingt nötige Wasserversorgung. Die Mengen, die für sechs Personen auch bei minimalen Rationen pro Tag nötig waren, schlugen mächtig zu Buche. Der Mehrverbrauch an Spritt zwang uns, weitere zwei 30 l Kanister aufs Dach zu packen. Die Verteilung des Gewichts war ebenso ein Problem. Spätestens auf den sandigen Pisten mußte genau berechnet sein, wie viel Last auf jedes Rad treffen durfte. Das war echt höhere Mathematik. Und die Spinner hatten zu allem Ärger immer noch ihren Senf dazu zugeben. Die steigenden Temperaturen ließen die wieder völlig durchdrehen.“

„Wir hatten nur drei Kisten anständige Getränke dabei. Die Hippi-Planwirtschaft mit dem Wasser und dem ganzen Mist machte uns völlig krank. Dies ging nicht und da sollte niemand sitzen. Die Hinfahrt war dagegen eine Luxuskreuzfahrt.“ Markus Ostermeier erinnert sich weiter: “ Dann hat die Karre Öl verloren. Wir haben mehr Öl als Sprit verfahren. Der Ahrends hatte keine vernünftigen Papiere. Das sollte noch heiter werden. Wir dachten schon daran, an den Grenzposten nachts vorbeizufahren, den Thomas in Mali abzusetzen und dann zurück und regulär durch die Grenze zu fahren. Hinterher hätten wir ihn ja wieder aufgesammelt. Aber dazu hatten sie alle nicht den nötigen Mut.“

Bernd Koch: „Schließlich fiel auch die Lichtmaschine aus und das kostete uns echt die letzten Nerven. Wenn ich mir überlege, daß wir uns das alles nur angetan hatten, weil wir diese Typen nicht in Lagos hängen lassen wollten. Wir fuhren ohne Begleitung, wovon an sich schon jeder abrät. Wir hatten ein ernsthaftes Versorgungsproblem und wir hatten nur die eine Hoffnung: Hoffentlich läßt uns der Bulli nicht hängen. Später verbrachte der Thomas und der Tobias die meiste Zeit während der Fahrt auf dem Dach. Tobias konnte von oben mit dem Fernglas die Piste besser ausmachen und dem Thomas war der Bus zu eng. Mit den Tüchern auf dem Kopf sahen sie aus wie Tuareg. Vielleicht wurden wir auch deshalb von Einheimischen völlig in Ruhe gelassen. Markus oder ich fuhren den größten Teil der Strecke. Nachts schliefen wir immer in unmittelbarer Nähe zur Piste, um auf keinen Fall im Sand hängen zu bleiben und im Notfall gleich durchstarten zu können. Keiner wußte, wie man auf sechs Deutsche reagieren würde, die mit einem VW-Bus und mangelhaften Papieren quer durch Afrika reisten. Die Nächte waren unerträglich. Tobias und ich hatten unser Zelt, das wir neben dem Bus aufbauten. Thomas und Markus schliefen auf, die anderen beiden im Bulli. Der Andreas Weinzierl wurde dann zu allem Überfluss auch noch krank und wir waren mitten in der Wüste. Wir hatten nicht viel Medizin dabei. Es war reine Menschenquälerei. Unterwegs trafen wir Deutsche, die mit einem umgebauten Mercedes-Bus auf dem Weg nach Marokko waren. Denen schlossen wir uns an. Allerdings waren das noch unangenehmere Typen als unsere Spinner. Dennoch blieben wir bis zur Algerischen Grenze zusammen. Auf die Weise konnten wir den Bulli etwas entlasten, denn zwei von uns fuhren im Mercedes mit. Der hatte allerdings laufen eine Panne nach der anderen. In der Wartezeit richtete der Tobias unseren Bulli immer wieder soweit her, daß wir uns schließlich Etappe für Etappe nach Hause schleppen konnten.“

An der Algerischen Grenze hängt die Truppe schließlich fest. Wie vermutet führen die mangelhaften Papiere und der fehlende Pass von Thomas Ahrends dazu, daß die Truppe für mehr als vierzehn Tage an der Grenzstation Bordi Mokhtar festsitzen. Bernd Koch und seine arabischen Sprachfähigkeiten helfen erneut. Am fünfzehnten Tag und ungezählten Anläufen sowie drei Nächten in einer algerischen Arrestzelle können die Sechs schließlich mit einer vorübergehenden Erlaubnis bis zur Polizeistation in Adrar weiter fahren. Sie bekommen eigens eine Polizei-Escorte.

„Das war wie im Western – ein einziger schlechter Film. Die wollten uns einfach nicht mehr gehen lassen. Da kamen Laster, die waren bis unters Dach gespickt, voll mit Waren. Die wurden einfach durch gewinkt. Uns haben sie festgenagelt und hatten jeden Tag was Neues zu meckern. Denen war doch völlig egal, wie´s dem Andi ging oder einem von uns. Uns ging das Wasser aus und die haben uns noch nicht mal an den Brunnen gelassen. Beim leisesten Motzer kam sofort der Flintenheini und hielt uns seine Kalaschnikov unter die Nase. Das hat uns echt mürbe gemacht. Dann haben wir das letzte gemacht, was wir machen konnten und haben ein paar Scheine aus der Tüte gelassen. Und schon am nachmittag ging´s weiter. Da ist uns allen mal ausnahmsweise gemeinsam die Galle übergelaufen. Sogar die Hippis sind im Dreieck gesprungen. Der eine von den beiden hat ständig auf arabisch geplaudert und uns hat er irgendwas von einem Regierungsauftrag erzählt. Das hat alles nicht geholfen. Die Scheine waren es und  basta. Die haben uns das Leben gerettet.“ Markus Ostermeier weiter: „Und dann haben sie uns so einen Granatenheinz auf die Spur gesetzt. Mit seinem Kübel hat der uns einen ganzen Tag lang verfolgt. Und plötzlich ist der umgedreht und verschwunden. Aus heiterem Himmel mitten im Nichts. Keine Ahnung. Aber wir waren am Abend der Meinung, daß wir hier nicht noch mal herkommen. Echt keine Ahnung, wie wir das nervlich durchgehalten haben. Echt, keine Ahnung“

Erst nach weiteren zehn Tagen und erneuten erheblichen Schwierigkeiten an der marokkanischen Grenze erreichet der Bulli mit allen sechs Insassen und erheblichen Anstrengungen von Mensch und Material Melilla/Nord-Marokko und somit das Mittelmeer. Von hieraus schifft sich die Truppe nach Spanien ein und erreicht am 15. April 1977 in Almeria europäisches Festland. Hier trennen sich ihre Wege. Ostermeier, der kranke Weinzierl und Sennhofer fahren mit dem Zug nach Hause. Bernd Koch und Tobias Auerbach fahren zunächst nach Rotterdam, um die Kisten mit den Gesteinsproben abzuholen. Später werden sie die Proben in Deutschland einem Labor übergeben, um mit dem von ihnen gesammelten Gestein radioaktive Werte nachzuweisen, die durch französische Atomwaffenversuche Mitte der siebziger Jahre in Nordafrika durchgeführt wurden. Die Ergebnisse der Tests wurden niemals bekannt gegeben.

Noch heute gilt unter Kennern die Route über Algerien und die Tanezrouft-Piste als schwierig und ohne die nötigen Papiere, Kenntnisse an Sprache, Region sowie technischer Geschicklichkeit nicht darstellbar.

(Thomas Ahrends)


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