MITTAGSSCHNEE

16 03 2011

In der letzten Kurve der engen Strasse, die sich unter den Felsen entlang am schmalen Küstensaum schlängelt, öffnet sich plötzlich eine schmale, längliche Bucht, in deren Mitte einige Cafes und ein Restaurant hin gewürfelt wurden und kurz vor dem Strand liegen geblieben sind. Eines davon, das Mutigste, das sich am weitesten ans Meer wagt, hat eine von Markisen beschattete Terasse mit ein paar Tischen und Stühlen darauf. Hier sitzen einige für immer verschollen geglaubte Dauerreisende, Althippis, Surffreaks, Insider mit dem ultimativen Traveller-Tipp von wieder anderen Insidern, der Wirt und zwei, drei einheimische Gäste aus dem nahen Dorf in den Bergen. Sie kommen jeden Tag mit ihren Mofas bis fast auf den Strand gefahren und sitzen meist den ganzen Tag auf dem einzigen beschatteten Platz an der sonnengebleichten Bretterwand vor der Terasse, beobachten das Treiben der Badegäste, die sich hierher verirren und trinken Getränke, die einzig sie selbst benennen können. Über allem glüht eine südliche Mittagssonne lotrecht herab. Die Hitze dämpft die dünnen Badeschreie der Kinder am Strand. Zwei Schattenplätze unter niedrigen Bäumchen sind zugeparkt. Alles ist hier, wie es schon immer war, von Anbeginn aller Dinge. Es ist Mittag.

Wegner bremst seinen alten, grünen Bulli, rangiert das Gefährt so nah wie möglich an das Strandcafe und steigt, seine Bewegungen der Hitze angepasst, aus dem Fahrzeug. Sein Hemd ist klatschnass geschwitz und seine Kehle staubtrocken. Er spürt die Hitze hinter der Stirn als wollte die Sonne sein mittagsmüdes Hirn kochen. Seine flüchtig übergezogene Sandale bleibt kurz in einer Spalte im Bretterboden hängen. Sie zu befreien kostet ihn einen kleinen Sturzbach unter seinem Hemd. Wasser, erst mal Wasser bestellen. Noch im Stehen öffnet er die dünne Plastikflasche, die sofort beschlägt und gießt das Naß in seine Kehle. Im Schatten angekommen fällt er in einen der weißen Plastikstühle, putzt seine glutheiße Sonnenbrille aber verteilt damit nur das Sonnenöl über beide Gläser. Egal, nur keine Anstrengung. Die Kinder sind aus dem Wasser gekommen und irgendwohin verschwunden. Das Meer sagt nichts, unbewegte Stille, der Strand flimmert an seinem Ende, am Himmel verflüchtigt sich eine winzige Wolke unter Wegners Blick. Überhaupt hat der Himmel fast keine Farbe und die Sonne die völlige Alleinherrschaft angetreten.

Wegner ächtzt bei dem Versuch, sich vorzulehnen, er ist auf seinem Stuhl angebacken und versucht, seine sieben Sinne aufzusammeln, als ihm der Wirt hinter seiner kioskartigen Theke etwas zuruft. „Signor Wegner, lei è il signor Wegner? Telefono per loro.“ Wegner sah sich um. Da war niemand sonst, der nach Signor Wegner aussah. Also ich. Wahnsinn. Wer ruft mich denn hier an. Und woher bitte …

„Hallo?“ Wegner hält den brühend heißen Hörer zwischen Daumen und Zeigefinger etwas vom Ohr entfernt und hört daher nicht sofort, wer mit ihm spricht. Er hört eine weibliche Stimme. „Was? Schnee? Wer spricht da bitte? Hier Signor Wegner. Sind sie sicher, daß sie MICH sprechen wollen?“ Er versucht, sein Bein aus der Sonne zu nehmen und muß dazu eine leicht schräge Stellung einnehmen, was ihn etwas ungeschickt aussehen läßt. „Nein, es gibt keinen Schnee hier. Bestimmt nicht. Ich bin hier. Ich stehe hier – wo soll denn das sein? Mit wem spreche ich bitte?“ Eine längere Pause entsteht und Wegner entschließt sich gerade, den Hörer aufzulegen, als er die Stimme wieder hört. Dann versichert er: „Hören Sie, ich kann ihnen nicht sagen, was da los ist, aber sie müßten mal hier sein. Glauben sie mir, ich kann kaum stehen vor Hitze.“ Er hängt jetzt sehr schräg an der Theke, die Füße im Schatten eines Sonnenschirms. „Geben sie mir ihre Nummer, ich rufe zurück, ich kann hier …“ Der Wirt rollt seinen Sonnenschirm in eine andere Ecke, der Schatten ist weg und Wegner springt schnell an einen anderen Schattenplatz, soweit die Telefonschnur eben noch reicht. „… nicht so gut telefonieren. Ich rufe sie zurück.“ Dabei deutet er dem Wirt mit einer Handbewegung, er brauche etwas zu Schreiben. Der Kugelschreiber funktioniert nicht. Verdunstet. Wegner kratzt eine Nummer auf den öligen Block und die Leitung ist unterbrochen. Wasser fließt ihm von der Stirn und den Rücken hinab. Er klemmt einen Schein unter den Aschenbecher an der Theke, deutet dem Wirt mit dem Finger darauf und schleicht zu seinem Bulli zurück. Ein minimales Lüftchen erhebt sich, sonst Totenstille. Nicht einmal die Zikaden in den Bäumen.

Das Türschloß am Bus ist vor Hitze fast nicht mehr anzufassen und trotz der halb herabgekurbelten Fenster steht im Bus die Luft wie in einem Backofen. Ihn umströmt der typische Geruch von Plastik, Elektrik und Benzin. Im Handschuhfach tastet er nach seinem Mobiltelefon. Grübelnd starrt er auf das leere Display. Was war das bitte? Wie hat man ihn hier unten gefunden? Theoretisch gar nicht möglich. Wird er verfolgt, steht er möglicherweise auf der Liste irgendwelcher unangenehmer Menschen mit schwarzen Limousinen? Die Steuer? Und jetzt testen sie mittels GPS seinen Standpunkt aus. Das geht ja alles. Mein Gott, was für Zeiten. Es reicht nicht allein, alte Autos zu fahren. Man muß auch in der entsprechend richtigen Zeit dafür leben. Mit gedämpfter Stimmung legt Wegner das Telefon zurück und blickt auf den Zettel mit den geritzten Zahlen. Gerade als er sich entschließt, die Nummer anzurufen, weht ein plötzlicher Windstoß den Zettel zunächst auf den Boden, dann aus der geöffneten Wagentüre und auf vorgeschriebener Bahn über die Straße auf einen Baum zu. Wegner springt aus dem Bus, im Hüpfspurt in die lose Sandale einfädelnd und über die Straße. Für kurze Zeit hat er das Papier aus den Augen verloren. Dann weiter über einen steinigen Hang, durch niedriges Gestrüpp und dann ist es schon wieder verschwunden. Wegner sucht das steile Gelände ab und findet den Zettel schließlich an der Spitze einer Opuntie – unerreichbar weit oben. Alle Versuche, ihn mit den herumliegenden dürren Ästen herabzuangeln, scheitern. Er kommt nicht einmal in die Nähe.

Zehn Minuten später schnurrt der Motor des Bulli und der Fahrtwind trägt etwas zur Kühlung im Bus bei. Seltsamer Zwischenfall und typisches Pech, denkt Wegner. Andererseits – wenn sie ihn hier erreichen konnte, dann kann sie es immer wieder. Er wüßte zu gerne, wo es geschneit hat.

 


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