MIT DEM ALTER KOMMT DER PULLUNDER

29 04 2011

Wenn ich mir meine Vorstellung vom ehrenwerten Altern vor Augen rufe, ist es schon nicht mehr ganz so schlimm wie noch vor einem Jahr. Es ist nicht mehr das Älter-Werden, das mich schreckt, als vielmehr die Vorstellung, es nicht so zu schaffen, wie ich es idealerweise gerne hätte.

Immer wieder begegne ich einem bestimmten Typus „Älterer Mann“ – oder ist es immer der selbe Mann? – bei dessen Anblick sich das Älterwerden erträglich vorstellen lässt. Er sitzt immer mit einem Kaffee und im grauen Pullunder, den Ellenbogen auf den kleinen Cafétisch gestützt, über einer Zeitung und dabei die dicke dunkle Brille auf die Nasenspitze geschoben. Ein bild vollkommender Ausgeglichenheit und Ruhe und dennoch von nicht eingerostetem Interesse, von Aufgeschlossenheit, Weisheit, Neugier, Genuss. Dann stelle ich mich an seiner statt vor, die Sonne auf meinem Haupt, das trotz hohem Lichteinfall über der der Stirn noch immer graues Haar genug hat, um ohne Hut im Freien sitzen zu können. Die Kulisse blendet unweigerlich in eine bekannte griechische Inselwelt über, auch die Taverne kommt mir sehr bekannt vor. Ab und an hebt man den Blick, um sich über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu vergewissern: Stand der Sonne, frisst die Katze, blüht der Kaktus in seinem kleinen blauen Töpfchen auf der Mauer gegenüber, ist mein zweiteinziges Hemd schon trocken, daß ich in der Frühe gewaschen habe und, nicht zuletzt, was tragen die jungen Dinger dieses Jahr wieder für neuen Badefummel. Hinter mir im Garten rostet der einstmals stolze und nun sehr betagte Bulli und dient als Hüter und Wächter meiner Bienenstöcke. Für ihn wie für mich ist das Reisen Geschichte geworden. Ich lausche abwechselnd dem Summen der Bienen und dem unweiten leisen Rauschen der nimmermüden Wellen. Dabei werde ich dösig und verpasse den Nachmittags-Kaffee. Die Zeitung blättert von alleine im lauen Abendwind und – erstaunlich aber wahr – der Kaktus blüht tatsächlich. Ein- oder zweimal im Jahr kommen die Kinder zu Besuch, immer abwechselnd. Auf die Weise, so haben sie beschlossen, hätte ich mehr davon. Der spärliche Ertrag aus dem Olivenhain reicht für ein Dasein ohne große Ansprüche und ab und zu erfahre ich aus der alten Heimat, daß wieder eins meiner längst vergessen geglaubten Bilder über den Ladentisch gegange sei.

Das könnte schön werden, ehrenwert und erhaben.


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