2012 in review

4 01 2013

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

Das London Olympic Stadium ist 53 Meter hoch. Dieser Blog hatte 2012 über 700 Besucher. Entspräche jeder Besucher einem Meter, wäre dieser Blog 13 mal größer als das Olympic Stadium – nicht schlecht.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.





JEDEM ANFANG WOHNT EIN ZAUBER INNE

12 10 2011

Zwei Jahre und sechs Monate Restaurierungszeit waren für das Ergebnis nötig, das sich nun stolz zeigen lassen kann: Der fertige Westfalia T2b, an dem außer dem Hubdach nicht mehr viel an einen Camper erinnert. Dennoch ist „Liv“ innerlich und äußerlich zu einer Elfe restauriert worden, die jedem Vergleich mit ihresgleichen stand halten kann.

Nahezu perfekt: Die Vorgabe (oben) und das Ergebnis (unten) entsprechen sich nahezu zu 100%.

Nahezu perfekt: Die Vorgabe (oben) und das Ergebnis (unten) entsprechen sich fast zu 100%.





MIT DEM ALTER KOMMT DER PULLUNDER

29 04 2011

Wenn ich mir meine Vorstellung vom ehrenwerten Altern vor Augen rufe, ist es schon nicht mehr ganz so schlimm wie noch vor einem Jahr. Es ist nicht mehr das Älter-Werden, das mich schreckt, als vielmehr die Vorstellung, es nicht so zu schaffen, wie ich es idealerweise gerne hätte.

Immer wieder begegne ich einem bestimmten Typus „Älterer Mann“ – oder ist es immer der selbe Mann? – bei dessen Anblick sich das Älterwerden erträglich vorstellen lässt. Er sitzt immer mit einem Kaffee und im grauen Pullunder, den Ellenbogen auf den kleinen Cafétisch gestützt, über einer Zeitung und dabei die dicke dunkle Brille auf die Nasenspitze geschoben. Ein bild vollkommender Ausgeglichenheit und Ruhe und dennoch von nicht eingerostetem Interesse, von Aufgeschlossenheit, Weisheit, Neugier, Genuss. Dann stelle ich mich an seiner statt vor, die Sonne auf meinem Haupt, das trotz hohem Lichteinfall über der der Stirn noch immer graues Haar genug hat, um ohne Hut im Freien sitzen zu können. Die Kulisse blendet unweigerlich in eine bekannte griechische Inselwelt über, auch die Taverne kommt mir sehr bekannt vor. Ab und an hebt man den Blick, um sich über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu vergewissern: Stand der Sonne, frisst die Katze, blüht der Kaktus in seinem kleinen blauen Töpfchen auf der Mauer gegenüber, ist mein zweiteinziges Hemd schon trocken, daß ich in der Frühe gewaschen habe und, nicht zuletzt, was tragen die jungen Dinger dieses Jahr wieder für neuen Badefummel. Hinter mir im Garten rostet der einstmals stolze und nun sehr betagte Bulli und dient als Hüter und Wächter meiner Bienenstöcke. Für ihn wie für mich ist das Reisen Geschichte geworden. Ich lausche abwechselnd dem Summen der Bienen und dem unweiten leisen Rauschen der nimmermüden Wellen. Dabei werde ich dösig und verpasse den Nachmittags-Kaffee. Die Zeitung blättert von alleine im lauen Abendwind und – erstaunlich aber wahr – der Kaktus blüht tatsächlich. Ein- oder zweimal im Jahr kommen die Kinder zu Besuch, immer abwechselnd. Auf die Weise, so haben sie beschlossen, hätte ich mehr davon. Der spärliche Ertrag aus dem Olivenhain reicht für ein Dasein ohne große Ansprüche und ab und zu erfahre ich aus der alten Heimat, daß wieder eins meiner längst vergessen geglaubten Bilder über den Ladentisch gegange sei.

Das könnte schön werden, ehrenwert und erhaben.





DER FRÜHLING IST ROT

29 04 2011

Das Leben ist wie eine große Waage: Egal wo und wie man steht, man ist immer zu schwer. Aber, und das ist eigentlich das Hauptmerkmal einer Waage: Sie schlägt aus. Das hat sie mit dem Frühling gemeinsam. Heute ereilte mich gleich zweimal der schicksalhafte Ausschlag: Mein „Behelfsbulli“, das rote Stück, der alte T3-Traktor, der verdammte Diesel hat sich mit einem Getriebeschaden nebst Kupplung und Radlager vier Tage vor seinem wirklich dringenden Einsatz krank gemeldet. Doch schon gegen Abend meldet sich Liv, die T2-Königin – zwei Jahre warten wir auf ein aktives Lebenszeichen aus ihrem Koma – sie ist zurück, und zwar kerngesund und strahlend wie der lichte Tag:

Ich rede hier nicht von den wiederholten Motor- und Technikrevisionen. Hier geht es um das Kernstück, das Wohlfühlelement, das Innenleben. Livs Herz ist rot wie Blut, wie die Liebe im Frühling – und aus Leder. Es entzückt und entlockt mir aus tiefster Seele ein kleines nichts desto innigeres E N D L I C H!

Und nun stelle ich sie mir auch schon vor, die Autostrada del Sud, Fenster runtergekurbelt, die Byrds aus dem niegelnagelneuen Retro-Becker-Radio dudeln Chimes of Freedom Flashing und mein Dauergrinsen tut langsam im Kiefer weh. Das Ziel ist klar: Immer Richtung Sonne. Das kann man ja jetzt bequem absitzen. Hoffentlich bald mehr.





MITTAGSSCHNEE

16 03 2011

In der letzten Kurve der engen Strasse, die sich unter den Felsen entlang am schmalen Küstensaum schlängelt, öffnet sich plötzlich eine schmale, längliche Bucht, in deren Mitte einige Cafes und ein Restaurant hin gewürfelt wurden und kurz vor dem Strand liegen geblieben sind. Eines davon, das Mutigste, das sich am weitesten ans Meer wagt, hat eine von Markisen beschattete Terasse mit ein paar Tischen und Stühlen darauf. Hier sitzen einige für immer verschollen geglaubte Dauerreisende, Althippis, Surffreaks, Insider mit dem ultimativen Traveller-Tipp von wieder anderen Insidern, der Wirt und zwei, drei einheimische Gäste aus dem nahen Dorf in den Bergen. Sie kommen jeden Tag mit ihren Mofas bis fast auf den Strand gefahren und sitzen meist den ganzen Tag auf dem einzigen beschatteten Platz an der sonnengebleichten Bretterwand vor der Terasse, beobachten das Treiben der Badegäste, die sich hierher verirren und trinken Getränke, die einzig sie selbst benennen können. Über allem glüht eine südliche Mittagssonne lotrecht herab. Die Hitze dämpft die dünnen Badeschreie der Kinder am Strand. Zwei Schattenplätze unter niedrigen Bäumchen sind zugeparkt. Alles ist hier, wie es schon immer war, von Anbeginn aller Dinge. Es ist Mittag.

Wegner bremst seinen alten, grünen Bulli, rangiert das Gefährt so nah wie möglich an das Strandcafe und steigt, seine Bewegungen der Hitze angepasst, aus dem Fahrzeug. Sein Hemd ist klatschnass geschwitz und seine Kehle staubtrocken. Er spürt die Hitze hinter der Stirn als wollte die Sonne sein mittagsmüdes Hirn kochen. Seine flüchtig übergezogene Sandale bleibt kurz in einer Spalte im Bretterboden hängen. Sie zu befreien kostet ihn einen kleinen Sturzbach unter seinem Hemd. Wasser, erst mal Wasser bestellen. Noch im Stehen öffnet er die dünne Plastikflasche, die sofort beschlägt und gießt das Naß in seine Kehle. Im Schatten angekommen fällt er in einen der weißen Plastikstühle, putzt seine glutheiße Sonnenbrille aber verteilt damit nur das Sonnenöl über beide Gläser. Egal, nur keine Anstrengung. Die Kinder sind aus dem Wasser gekommen und irgendwohin verschwunden. Das Meer sagt nichts, unbewegte Stille, der Strand flimmert an seinem Ende, am Himmel verflüchtigt sich eine winzige Wolke unter Wegners Blick. Überhaupt hat der Himmel fast keine Farbe und die Sonne die völlige Alleinherrschaft angetreten.

Wegner ächtzt bei dem Versuch, sich vorzulehnen, er ist auf seinem Stuhl angebacken und versucht, seine sieben Sinne aufzusammeln, als ihm der Wirt hinter seiner kioskartigen Theke etwas zuruft. „Signor Wegner, lei è il signor Wegner? Telefono per loro.“ Wegner sah sich um. Da war niemand sonst, der nach Signor Wegner aussah. Also ich. Wahnsinn. Wer ruft mich denn hier an. Und woher bitte …

„Hallo?“ Wegner hält den brühend heißen Hörer zwischen Daumen und Zeigefinger etwas vom Ohr entfernt und hört daher nicht sofort, wer mit ihm spricht. Er hört eine weibliche Stimme. „Was? Schnee? Wer spricht da bitte? Hier Signor Wegner. Sind sie sicher, daß sie MICH sprechen wollen?“ Er versucht, sein Bein aus der Sonne zu nehmen und muß dazu eine leicht schräge Stellung einnehmen, was ihn etwas ungeschickt aussehen läßt. „Nein, es gibt keinen Schnee hier. Bestimmt nicht. Ich bin hier. Ich stehe hier – wo soll denn das sein? Mit wem spreche ich bitte?“ Eine längere Pause entsteht und Wegner entschließt sich gerade, den Hörer aufzulegen, als er die Stimme wieder hört. Dann versichert er: „Hören Sie, ich kann ihnen nicht sagen, was da los ist, aber sie müßten mal hier sein. Glauben sie mir, ich kann kaum stehen vor Hitze.“ Er hängt jetzt sehr schräg an der Theke, die Füße im Schatten eines Sonnenschirms. „Geben sie mir ihre Nummer, ich rufe zurück, ich kann hier …“ Der Wirt rollt seinen Sonnenschirm in eine andere Ecke, der Schatten ist weg und Wegner springt schnell an einen anderen Schattenplatz, soweit die Telefonschnur eben noch reicht. „… nicht so gut telefonieren. Ich rufe sie zurück.“ Dabei deutet er dem Wirt mit einer Handbewegung, er brauche etwas zu Schreiben. Der Kugelschreiber funktioniert nicht. Verdunstet. Wegner kratzt eine Nummer auf den öligen Block und die Leitung ist unterbrochen. Wasser fließt ihm von der Stirn und den Rücken hinab. Er klemmt einen Schein unter den Aschenbecher an der Theke, deutet dem Wirt mit dem Finger darauf und schleicht zu seinem Bulli zurück. Ein minimales Lüftchen erhebt sich, sonst Totenstille. Nicht einmal die Zikaden in den Bäumen.

Das Türschloß am Bus ist vor Hitze fast nicht mehr anzufassen und trotz der halb herabgekurbelten Fenster steht im Bus die Luft wie in einem Backofen. Ihn umströmt der typische Geruch von Plastik, Elektrik und Benzin. Im Handschuhfach tastet er nach seinem Mobiltelefon. Grübelnd starrt er auf das leere Display. Was war das bitte? Wie hat man ihn hier unten gefunden? Theoretisch gar nicht möglich. Wird er verfolgt, steht er möglicherweise auf der Liste irgendwelcher unangenehmer Menschen mit schwarzen Limousinen? Die Steuer? Und jetzt testen sie mittels GPS seinen Standpunkt aus. Das geht ja alles. Mein Gott, was für Zeiten. Es reicht nicht allein, alte Autos zu fahren. Man muß auch in der entsprechend richtigen Zeit dafür leben. Mit gedämpfter Stimmung legt Wegner das Telefon zurück und blickt auf den Zettel mit den geritzten Zahlen. Gerade als er sich entschließt, die Nummer anzurufen, weht ein plötzlicher Windstoß den Zettel zunächst auf den Boden, dann aus der geöffneten Wagentüre und auf vorgeschriebener Bahn über die Straße auf einen Baum zu. Wegner springt aus dem Bus, im Hüpfspurt in die lose Sandale einfädelnd und über die Straße. Für kurze Zeit hat er das Papier aus den Augen verloren. Dann weiter über einen steinigen Hang, durch niedriges Gestrüpp und dann ist es schon wieder verschwunden. Wegner sucht das steile Gelände ab und findet den Zettel schließlich an der Spitze einer Opuntie – unerreichbar weit oben. Alle Versuche, ihn mit den herumliegenden dürren Ästen herabzuangeln, scheitern. Er kommt nicht einmal in die Nähe.

Zehn Minuten später schnurrt der Motor des Bulli und der Fahrtwind trägt etwas zur Kühlung im Bus bei. Seltsamer Zwischenfall und typisches Pech, denkt Wegner. Andererseits – wenn sie ihn hier erreichen konnte, dann kann sie es immer wieder. Er wüßte zu gerne, wo es geschneit hat.

 





EFFIZIENZ IST KEINE FRAGE DES ALTERS

2 03 2011

Brasilien-Bullis

Die Modellreihe Kombi Standard 1.4 und Kombi Furgão 1.4, mit der das VW Werk Brasilien noch immer am Bulli T2 wenigstens äußerlich festhält, unterstreicht einmal mehr die einzigartige Erfolgsstory eines Klassikers.

Unter www.volkswagen.com/br/pt/carros/kombi kann man sich mit etwas Sprachkenntnis über die aktuellen Modelle schlau machen. Schlau ist das auch aus ökonomischer und ökologischer Sicht. Die Produktionsstraße wurde renoviert. Somit werden die neuen Bullis erheblich kostengünstiger hergestellt. Die Motoren made by Volkswagen können auch nicht so schlecht sein, daß sie einen direkten Vergleich mit ähnlichen Konkurrenten auf unserem heimischen Markt scheuen müssten. Und da es offensichtlich noch eine große Nachfrage an genau diesen Modellen gibt, stellt sich die Frage, warum der Klassiker T2 nicht auch in Europa angeboten wird. Darüber und so manche andere Frage rund um das Thema alt und neu kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen.





KEINE AHNUNG (TEIL 5)

2 03 2011

Teil 5: Mit einer Tüte voller Geld

„Mich hat fast der Schlag getroffen – das Tropenklima in Lagos unten hat mir echt zugesetzt. Nach der ganzen Wüste und so war das echt ein Hammer. Da lief einem das Wasser den Rücken runter nur vom Sitzen. Und ich mag´s schon gern eher warm. Jedenfalls konnte ich so kein Auge zu tun. Und außerdem hatte ich das ganze Geld. Was glaubst Du, wie sich das rumgesprochen hatte. Da war in nullkommanix die ganze Stadt auf den Beinen. Ich saß nachts auf dem Dach mit einer Machete – wie ein Samurai – und hab die Tüte mit dem Geld bewacht. Wir hatten uns in einer Art Puff eingemietet und da war von Haus aus schon mehr Gesindel unterwegs. Ich hab mich da regelrecht verbarrikadiert. Die Dachluke hab ich versperrt und alle Wege aufs Dach hatte ich im Blick. Und das sechs Nächte lang. Tagsüber hat der Andi dann das Geld bei sich gehabt – im Rucksack! Er hat gemeint, daß es so am sichersten ist, weil keiner vermuten würde, daß man ein Vermögen im Rucksack durch die Stadt trägt. Nach einer Woche hatte ich echt die Nase voll von der Stadt. Das muß man sich mal vorstellen: Vor nicht ganz zwei Wochen wären wir in der Wüste beinahe hängen geblieben und sind gut geröstet worden. Und jetzt saßen wir hier unten wie in einem türkischen Dampfbad. Der einzige Platz, an dem ich es aushalten konnte war der Hafen. Da war wenigstens immer etwas frischer Wind. Aber dafür war das wahrscheinlich das finsterste Dreckloch, daß ich je gesehen habe. Damals hatten die noch nicht alles auf Container umgestellt. Da lagen Berge von Säcken und Kisten und der Gestank war abartig. Aber es war wenigstens nicht so durchgedreht wie die Stadt. Und dann haben mich die Hippifritzen mit ihrer Gemüseschaukel aus heiterem Himmel einfach über den Haufen gefahren. Na da hing der Hammer aber erst mal tiefer! Denen hab ich erst mal bescheid gesagt, was hier nicht nach Plan läuft! Weiß der Geier, wo die plötzlich herkamen. Erst haben sie die ganze Zeit vertrödelt und dann wollten sie sich offensichtlich plötzlich an uns vorbei aus dem Staub machen. Aber so läuft das nicht mit Markus Ostermeier!“

Martin Sennhofer: “ Das war schon lustig, plötzlich waren wir alle wieder beisammen. Ich hab mich gefreut, daß die VW-Bus-Fritzen wieder dabei waren. Ich hatte ja eigentlich schon daran gedacht, ihre Kisten unterwegs abzuladen. Aber dann hab ich es irgendwie nicht fertiggebracht. Tat mir leid um die ganze Arbeit. Also hatte ich sie bis nach Lagos im Laster und dann bei uns an der Pension hinters Haus gestellt. Das war natürlich eine ziemliche Freude für die Beiden. Und dann ging´s an die Heimreise für uns. Die Bulli-Fritzen wollten eigentlich mit dem Schiff nach Hause, weil sie irgend ein Problem mit dem Motor hatten. Wir wollten noch bleiben und der Markus hats vom Klima her nicht mehr ausgehalten. Am Abend saßen wir alle bei uns auf dem Dach und schmiedeten einen Plan. Der Andreas und der Markus wollten sich unbedingt ein Auto kaufen und damit wieder nach Hause fahren. Die Bulli-Leute wollten mit dem Schiff fahren und Thomas und ich wollten bleiben. Das war nicht einfach aber am Ende hatten wir alle unter einen Hut gebracht. Wenn wir schon nach Hause fahren, dann alle zusammen und dann mit dem Bulli.“

Koch: „Ich dachte erst, ich höre nicht recht. Die Spinner wollten uns tatsächlich zum Bleiben überreden. Tobias und ich hatten schon unsere Tickets in den Händen und alles wäre klar gegangen, wenn nicht der Zoll wegen unseres Fahrzeugs Schwierigkeiten gemacht hätte.“

Ostermeier: „Die wären sowieso nie mit der Hitsche von da unten weg gekommen. Die hatten überhaupt keine Papiere und die Passage mit dem Schiff hätten die auch nie bezahlen können. Ich hab immer gesagt, sie sollen ihre Karre da unten verkaufen und vernünftig nach Hause fahren.“

Koch: „Da wollte der tatsächlich einen Peugot kaufen und sich damit die zehntausend Kilometer nach Hause auf den Weg machen. Keiner außer ihm wollte da mit. Wir hatten etliche PKW-Wracks auf der Strecke gesehen. Die lagen alle auf dem Dach, weil sie die Einheimischen umdrehen, um besser an die Teile zu kommen, wenn sie die Fahrzeuge komplett ausschlachten. Das sah immer aus wie tote Schildkröten und mir wurde ganz anders bei der Vorstellung, was wohl eigentlichen mit den Fahrern geworden ist.“

Ostermeier: „Die ganze Clique hat sich fast ins Hemd gemacht, aber irgendwie mußten wir ja wieder zurück. Ich hatte dann eins von diesen französischen Wüstenschiffen günstig an der Hand und das wäre auch gut gegangen. Aber die Hippis sollten ja unbedingt mit uns zurück.“

Koch: „Ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir uns dann auf die Bettelei eingelassen haben. Schließlich haben wir uns breit schlagen lassen und alle fuhren bei uns im Bus mit. Bis Algerien hieß es erst, später bis Marokko, am Schluß wollten sie in Spanien in den Zug steigen. Aber bis dahin lagen noch achttausend Kilometer vor uns. Einer von den Spinnern hatte tatsächlich unsere Kisten mit den Proben gerettet. Das fand ich irgendwie rührend. Darauf hin haben wir wohl ja gesagt.“

Das Team von Markus Ostermeier und die beiden Bulli-Fahrer einigen sich schließlich, die kürzeste Wegstrecke in Richtung Norden einzuschlagen und erst dann nach Osten auszuweichen, wenn die Pistenverhältnisse es nicht anders zulassen. Einige Probleme bereiten auch die teilweise fehlenden Papiere. Zoll und Polizei würden sicherlich noch erhebliche Probleme machen, so Ostermeier.

Tobias Auerbach: „Die Rückfahrt war dann ein totales Rechenexempel. Wie viel Zulast war maximal möglich und welche Mengen an Benzin und Wasser waren nötig. Jetzt waren wir zu sechst, was schon unter normalen Umständen ziemlich eng im Bulli geworden wäre. Das ganze war ein kompletter Schwachsinn, aber lustig. Daher habe ich mich breitschlagen lassen. Was wir nicht bedacht hatten war, daß außer dem weit höherem Spritverbrauch auch alle anderen Systeme im Bulli weit mehr beansprucht waren. Es war aus heutiger Sicht lebensgefährlich. Aber es war 1977, es war Afrika, es war Abenteuer und wir waren alle jung. Zunächst kostete der Spaß außer Sprit und Nerven nichts weiter als die Lust am puren Nervenkitzel.

Natürlich fiel auch als erstes die Bremse aus. Wir hatten fast 1400 kg Zulast und die Bremsen gingen einfach in die Knie. Der Hauptbremszylinder war dem Gewicht nicht gewachsen, dem er jetzt entgegenwirken mußte. Ich war wenigstens zwei mal am Tag damit beschäftigt, Reparaturen am Bulli auszuführen. Die Kisten mit unseren Proben haben wir in Lagos verschifft. Zielhafen: Rotterdam. Wenigstens die Sorge waren wir los. Das Hauptproblem war aber die unbedingt nötige Wasserversorgung. Die Mengen, die für sechs Personen auch bei minimalen Rationen pro Tag nötig waren, schlugen mächtig zu Buche. Der Mehrverbrauch an Spritt zwang uns, weitere zwei 30 l Kanister aufs Dach zu packen. Die Verteilung des Gewichts war ebenso ein Problem. Spätestens auf den sandigen Pisten mußte genau berechnet sein, wie viel Last auf jedes Rad treffen durfte. Das war echt höhere Mathematik. Und die Spinner hatten zu allem Ärger immer noch ihren Senf dazu zugeben. Die steigenden Temperaturen ließen die wieder völlig durchdrehen.“

„Wir hatten nur drei Kisten anständige Getränke dabei. Die Hippi-Planwirtschaft mit dem Wasser und dem ganzen Mist machte uns völlig krank. Dies ging nicht und da sollte niemand sitzen. Die Hinfahrt war dagegen eine Luxuskreuzfahrt.“ Markus Ostermeier erinnert sich weiter: “ Dann hat die Karre Öl verloren. Wir haben mehr Öl als Sprit verfahren. Der Ahrends hatte keine vernünftigen Papiere. Das sollte noch heiter werden. Wir dachten schon daran, an den Grenzposten nachts vorbeizufahren, den Thomas in Mali abzusetzen und dann zurück und regulär durch die Grenze zu fahren. Hinterher hätten wir ihn ja wieder aufgesammelt. Aber dazu hatten sie alle nicht den nötigen Mut.“

Bernd Koch: „Schließlich fiel auch die Lichtmaschine aus und das kostete uns echt die letzten Nerven. Wenn ich mir überlege, daß wir uns das alles nur angetan hatten, weil wir diese Typen nicht in Lagos hängen lassen wollten. Wir fuhren ohne Begleitung, wovon an sich schon jeder abrät. Wir hatten ein ernsthaftes Versorgungsproblem und wir hatten nur die eine Hoffnung: Hoffentlich läßt uns der Bulli nicht hängen. Später verbrachte der Thomas und der Tobias die meiste Zeit während der Fahrt auf dem Dach. Tobias konnte von oben mit dem Fernglas die Piste besser ausmachen und dem Thomas war der Bus zu eng. Mit den Tüchern auf dem Kopf sahen sie aus wie Tuareg. Vielleicht wurden wir auch deshalb von Einheimischen völlig in Ruhe gelassen. Markus oder ich fuhren den größten Teil der Strecke. Nachts schliefen wir immer in unmittelbarer Nähe zur Piste, um auf keinen Fall im Sand hängen zu bleiben und im Notfall gleich durchstarten zu können. Keiner wußte, wie man auf sechs Deutsche reagieren würde, die mit einem VW-Bus und mangelhaften Papieren quer durch Afrika reisten. Die Nächte waren unerträglich. Tobias und ich hatten unser Zelt, das wir neben dem Bus aufbauten. Thomas und Markus schliefen auf, die anderen beiden im Bulli. Der Andreas Weinzierl wurde dann zu allem Überfluss auch noch krank und wir waren mitten in der Wüste. Wir hatten nicht viel Medizin dabei. Es war reine Menschenquälerei. Unterwegs trafen wir Deutsche, die mit einem umgebauten Mercedes-Bus auf dem Weg nach Marokko waren. Denen schlossen wir uns an. Allerdings waren das noch unangenehmere Typen als unsere Spinner. Dennoch blieben wir bis zur Algerischen Grenze zusammen. Auf die Weise konnten wir den Bulli etwas entlasten, denn zwei von uns fuhren im Mercedes mit. Der hatte allerdings laufen eine Panne nach der anderen. In der Wartezeit richtete der Tobias unseren Bulli immer wieder soweit her, daß wir uns schließlich Etappe für Etappe nach Hause schleppen konnten.“

An der Algerischen Grenze hängt die Truppe schließlich fest. Wie vermutet führen die mangelhaften Papiere und der fehlende Pass von Thomas Ahrends dazu, daß die Truppe für mehr als vierzehn Tage an der Grenzstation Bordi Mokhtar festsitzen. Bernd Koch und seine arabischen Sprachfähigkeiten helfen erneut. Am fünfzehnten Tag und ungezählten Anläufen sowie drei Nächten in einer algerischen Arrestzelle können die Sechs schließlich mit einer vorübergehenden Erlaubnis bis zur Polizeistation in Adrar weiter fahren. Sie bekommen eigens eine Polizei-Escorte.

„Das war wie im Western – ein einziger schlechter Film. Die wollten uns einfach nicht mehr gehen lassen. Da kamen Laster, die waren bis unters Dach gespickt, voll mit Waren. Die wurden einfach durch gewinkt. Uns haben sie festgenagelt und hatten jeden Tag was Neues zu meckern. Denen war doch völlig egal, wie´s dem Andi ging oder einem von uns. Uns ging das Wasser aus und die haben uns noch nicht mal an den Brunnen gelassen. Beim leisesten Motzer kam sofort der Flintenheini und hielt uns seine Kalaschnikov unter die Nase. Das hat uns echt mürbe gemacht. Dann haben wir das letzte gemacht, was wir machen konnten und haben ein paar Scheine aus der Tüte gelassen. Und schon am nachmittag ging´s weiter. Da ist uns allen mal ausnahmsweise gemeinsam die Galle übergelaufen. Sogar die Hippis sind im Dreieck gesprungen. Der eine von den beiden hat ständig auf arabisch geplaudert und uns hat er irgendwas von einem Regierungsauftrag erzählt. Das hat alles nicht geholfen. Die Scheine waren es und  basta. Die haben uns das Leben gerettet.“ Markus Ostermeier weiter: „Und dann haben sie uns so einen Granatenheinz auf die Spur gesetzt. Mit seinem Kübel hat der uns einen ganzen Tag lang verfolgt. Und plötzlich ist der umgedreht und verschwunden. Aus heiterem Himmel mitten im Nichts. Keine Ahnung. Aber wir waren am Abend der Meinung, daß wir hier nicht noch mal herkommen. Echt keine Ahnung, wie wir das nervlich durchgehalten haben. Echt, keine Ahnung“

Erst nach weiteren zehn Tagen und erneuten erheblichen Schwierigkeiten an der marokkanischen Grenze erreichet der Bulli mit allen sechs Insassen und erheblichen Anstrengungen von Mensch und Material Melilla/Nord-Marokko und somit das Mittelmeer. Von hieraus schifft sich die Truppe nach Spanien ein und erreicht am 15. April 1977 in Almeria europäisches Festland. Hier trennen sich ihre Wege. Ostermeier, der kranke Weinzierl und Sennhofer fahren mit dem Zug nach Hause. Bernd Koch und Tobias Auerbach fahren zunächst nach Rotterdam, um die Kisten mit den Gesteinsproben abzuholen. Später werden sie die Proben in Deutschland einem Labor übergeben, um mit dem von ihnen gesammelten Gestein radioaktive Werte nachzuweisen, die durch französische Atomwaffenversuche Mitte der siebziger Jahre in Nordafrika durchgeführt wurden. Die Ergebnisse der Tests wurden niemals bekannt gegeben.

Noch heute gilt unter Kennern die Route über Algerien und die Tanezrouft-Piste als schwierig und ohne die nötigen Papiere, Kenntnisse an Sprache, Region sowie technischer Geschicklichkeit nicht darstellbar.

(Thomas Ahrends)








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