MITTAGSSCHNEE

16 03 2011

In der letzten Kurve der engen Strasse, die sich unter den Felsen entlang am schmalen Küstensaum schlängelt, öffnet sich plötzlich eine schmale, längliche Bucht, in deren Mitte einige Cafes und ein Restaurant hin gewürfelt wurden und kurz vor dem Strand liegen geblieben sind. Eines davon, das Mutigste, das sich am weitesten ans Meer wagt, hat eine von Markisen beschattete Terasse mit ein paar Tischen und Stühlen darauf. Hier sitzen einige für immer verschollen geglaubte Dauerreisende, Althippis, Surffreaks, Insider mit dem ultimativen Traveller-Tipp von wieder anderen Insidern, der Wirt und zwei, drei einheimische Gäste aus dem nahen Dorf in den Bergen. Sie kommen jeden Tag mit ihren Mofas bis fast auf den Strand gefahren und sitzen meist den ganzen Tag auf dem einzigen beschatteten Platz an der sonnengebleichten Bretterwand vor der Terasse, beobachten das Treiben der Badegäste, die sich hierher verirren und trinken Getränke, die einzig sie selbst benennen können. Über allem glüht eine südliche Mittagssonne lotrecht herab. Die Hitze dämpft die dünnen Badeschreie der Kinder am Strand. Zwei Schattenplätze unter niedrigen Bäumchen sind zugeparkt. Alles ist hier, wie es schon immer war, von Anbeginn aller Dinge. Es ist Mittag.

Wegner bremst seinen alten, grünen Bulli, rangiert das Gefährt so nah wie möglich an das Strandcafe und steigt, seine Bewegungen der Hitze angepasst, aus dem Fahrzeug. Sein Hemd ist klatschnass geschwitz und seine Kehle staubtrocken. Er spürt die Hitze hinter der Stirn als wollte die Sonne sein mittagsmüdes Hirn kochen. Seine flüchtig übergezogene Sandale bleibt kurz in einer Spalte im Bretterboden hängen. Sie zu befreien kostet ihn einen kleinen Sturzbach unter seinem Hemd. Wasser, erst mal Wasser bestellen. Noch im Stehen öffnet er die dünne Plastikflasche, die sofort beschlägt und gießt das Naß in seine Kehle. Im Schatten angekommen fällt er in einen der weißen Plastikstühle, putzt seine glutheiße Sonnenbrille aber verteilt damit nur das Sonnenöl über beide Gläser. Egal, nur keine Anstrengung. Die Kinder sind aus dem Wasser gekommen und irgendwohin verschwunden. Das Meer sagt nichts, unbewegte Stille, der Strand flimmert an seinem Ende, am Himmel verflüchtigt sich eine winzige Wolke unter Wegners Blick. Überhaupt hat der Himmel fast keine Farbe und die Sonne die völlige Alleinherrschaft angetreten.

Wegner ächtzt bei dem Versuch, sich vorzulehnen, er ist auf seinem Stuhl angebacken und versucht, seine sieben Sinne aufzusammeln, als ihm der Wirt hinter seiner kioskartigen Theke etwas zuruft. „Signor Wegner, lei è il signor Wegner? Telefono per loro.“ Wegner sah sich um. Da war niemand sonst, der nach Signor Wegner aussah. Also ich. Wahnsinn. Wer ruft mich denn hier an. Und woher bitte …

„Hallo?“ Wegner hält den brühend heißen Hörer zwischen Daumen und Zeigefinger etwas vom Ohr entfernt und hört daher nicht sofort, wer mit ihm spricht. Er hört eine weibliche Stimme. „Was? Schnee? Wer spricht da bitte? Hier Signor Wegner. Sind sie sicher, daß sie MICH sprechen wollen?“ Er versucht, sein Bein aus der Sonne zu nehmen und muß dazu eine leicht schräge Stellung einnehmen, was ihn etwas ungeschickt aussehen läßt. „Nein, es gibt keinen Schnee hier. Bestimmt nicht. Ich bin hier. Ich stehe hier – wo soll denn das sein? Mit wem spreche ich bitte?“ Eine längere Pause entsteht und Wegner entschließt sich gerade, den Hörer aufzulegen, als er die Stimme wieder hört. Dann versichert er: „Hören Sie, ich kann ihnen nicht sagen, was da los ist, aber sie müßten mal hier sein. Glauben sie mir, ich kann kaum stehen vor Hitze.“ Er hängt jetzt sehr schräg an der Theke, die Füße im Schatten eines Sonnenschirms. „Geben sie mir ihre Nummer, ich rufe zurück, ich kann hier …“ Der Wirt rollt seinen Sonnenschirm in eine andere Ecke, der Schatten ist weg und Wegner springt schnell an einen anderen Schattenplatz, soweit die Telefonschnur eben noch reicht. „… nicht so gut telefonieren. Ich rufe sie zurück.“ Dabei deutet er dem Wirt mit einer Handbewegung, er brauche etwas zu Schreiben. Der Kugelschreiber funktioniert nicht. Verdunstet. Wegner kratzt eine Nummer auf den öligen Block und die Leitung ist unterbrochen. Wasser fließt ihm von der Stirn und den Rücken hinab. Er klemmt einen Schein unter den Aschenbecher an der Theke, deutet dem Wirt mit dem Finger darauf und schleicht zu seinem Bulli zurück. Ein minimales Lüftchen erhebt sich, sonst Totenstille. Nicht einmal die Zikaden in den Bäumen.

Das Türschloß am Bus ist vor Hitze fast nicht mehr anzufassen und trotz der halb herabgekurbelten Fenster steht im Bus die Luft wie in einem Backofen. Ihn umströmt der typische Geruch von Plastik, Elektrik und Benzin. Im Handschuhfach tastet er nach seinem Mobiltelefon. Grübelnd starrt er auf das leere Display. Was war das bitte? Wie hat man ihn hier unten gefunden? Theoretisch gar nicht möglich. Wird er verfolgt, steht er möglicherweise auf der Liste irgendwelcher unangenehmer Menschen mit schwarzen Limousinen? Die Steuer? Und jetzt testen sie mittels GPS seinen Standpunkt aus. Das geht ja alles. Mein Gott, was für Zeiten. Es reicht nicht allein, alte Autos zu fahren. Man muß auch in der entsprechend richtigen Zeit dafür leben. Mit gedämpfter Stimmung legt Wegner das Telefon zurück und blickt auf den Zettel mit den geritzten Zahlen. Gerade als er sich entschließt, die Nummer anzurufen, weht ein plötzlicher Windstoß den Zettel zunächst auf den Boden, dann aus der geöffneten Wagentüre und auf vorgeschriebener Bahn über die Straße auf einen Baum zu. Wegner springt aus dem Bus, im Hüpfspurt in die lose Sandale einfädelnd und über die Straße. Für kurze Zeit hat er das Papier aus den Augen verloren. Dann weiter über einen steinigen Hang, durch niedriges Gestrüpp und dann ist es schon wieder verschwunden. Wegner sucht das steile Gelände ab und findet den Zettel schließlich an der Spitze einer Opuntie – unerreichbar weit oben. Alle Versuche, ihn mit den herumliegenden dürren Ästen herabzuangeln, scheitern. Er kommt nicht einmal in die Nähe.

Zehn Minuten später schnurrt der Motor des Bulli und der Fahrtwind trägt etwas zur Kühlung im Bus bei. Seltsamer Zwischenfall und typisches Pech, denkt Wegner. Andererseits – wenn sie ihn hier erreichen konnte, dann kann sie es immer wieder. Er wüßte zu gerne, wo es geschneit hat.

 





KEINE AHNUNG (TEIL 5)

2 03 2011

Teil 5: Mit einer Tüte voller Geld

„Mich hat fast der Schlag getroffen – das Tropenklima in Lagos unten hat mir echt zugesetzt. Nach der ganzen Wüste und so war das echt ein Hammer. Da lief einem das Wasser den Rücken runter nur vom Sitzen. Und ich mag´s schon gern eher warm. Jedenfalls konnte ich so kein Auge zu tun. Und außerdem hatte ich das ganze Geld. Was glaubst Du, wie sich das rumgesprochen hatte. Da war in nullkommanix die ganze Stadt auf den Beinen. Ich saß nachts auf dem Dach mit einer Machete – wie ein Samurai – und hab die Tüte mit dem Geld bewacht. Wir hatten uns in einer Art Puff eingemietet und da war von Haus aus schon mehr Gesindel unterwegs. Ich hab mich da regelrecht verbarrikadiert. Die Dachluke hab ich versperrt und alle Wege aufs Dach hatte ich im Blick. Und das sechs Nächte lang. Tagsüber hat der Andi dann das Geld bei sich gehabt – im Rucksack! Er hat gemeint, daß es so am sichersten ist, weil keiner vermuten würde, daß man ein Vermögen im Rucksack durch die Stadt trägt. Nach einer Woche hatte ich echt die Nase voll von der Stadt. Das muß man sich mal vorstellen: Vor nicht ganz zwei Wochen wären wir in der Wüste beinahe hängen geblieben und sind gut geröstet worden. Und jetzt saßen wir hier unten wie in einem türkischen Dampfbad. Der einzige Platz, an dem ich es aushalten konnte war der Hafen. Da war wenigstens immer etwas frischer Wind. Aber dafür war das wahrscheinlich das finsterste Dreckloch, daß ich je gesehen habe. Damals hatten die noch nicht alles auf Container umgestellt. Da lagen Berge von Säcken und Kisten und der Gestank war abartig. Aber es war wenigstens nicht so durchgedreht wie die Stadt. Und dann haben mich die Hippifritzen mit ihrer Gemüseschaukel aus heiterem Himmel einfach über den Haufen gefahren. Na da hing der Hammer aber erst mal tiefer! Denen hab ich erst mal bescheid gesagt, was hier nicht nach Plan läuft! Weiß der Geier, wo die plötzlich herkamen. Erst haben sie die ganze Zeit vertrödelt und dann wollten sie sich offensichtlich plötzlich an uns vorbei aus dem Staub machen. Aber so läuft das nicht mit Markus Ostermeier!“

Martin Sennhofer: “ Das war schon lustig, plötzlich waren wir alle wieder beisammen. Ich hab mich gefreut, daß die VW-Bus-Fritzen wieder dabei waren. Ich hatte ja eigentlich schon daran gedacht, ihre Kisten unterwegs abzuladen. Aber dann hab ich es irgendwie nicht fertiggebracht. Tat mir leid um die ganze Arbeit. Also hatte ich sie bis nach Lagos im Laster und dann bei uns an der Pension hinters Haus gestellt. Das war natürlich eine ziemliche Freude für die Beiden. Und dann ging´s an die Heimreise für uns. Die Bulli-Fritzen wollten eigentlich mit dem Schiff nach Hause, weil sie irgend ein Problem mit dem Motor hatten. Wir wollten noch bleiben und der Markus hats vom Klima her nicht mehr ausgehalten. Am Abend saßen wir alle bei uns auf dem Dach und schmiedeten einen Plan. Der Andreas und der Markus wollten sich unbedingt ein Auto kaufen und damit wieder nach Hause fahren. Die Bulli-Leute wollten mit dem Schiff fahren und Thomas und ich wollten bleiben. Das war nicht einfach aber am Ende hatten wir alle unter einen Hut gebracht. Wenn wir schon nach Hause fahren, dann alle zusammen und dann mit dem Bulli.“

Koch: „Ich dachte erst, ich höre nicht recht. Die Spinner wollten uns tatsächlich zum Bleiben überreden. Tobias und ich hatten schon unsere Tickets in den Händen und alles wäre klar gegangen, wenn nicht der Zoll wegen unseres Fahrzeugs Schwierigkeiten gemacht hätte.“

Ostermeier: „Die wären sowieso nie mit der Hitsche von da unten weg gekommen. Die hatten überhaupt keine Papiere und die Passage mit dem Schiff hätten die auch nie bezahlen können. Ich hab immer gesagt, sie sollen ihre Karre da unten verkaufen und vernünftig nach Hause fahren.“

Koch: „Da wollte der tatsächlich einen Peugot kaufen und sich damit die zehntausend Kilometer nach Hause auf den Weg machen. Keiner außer ihm wollte da mit. Wir hatten etliche PKW-Wracks auf der Strecke gesehen. Die lagen alle auf dem Dach, weil sie die Einheimischen umdrehen, um besser an die Teile zu kommen, wenn sie die Fahrzeuge komplett ausschlachten. Das sah immer aus wie tote Schildkröten und mir wurde ganz anders bei der Vorstellung, was wohl eigentlichen mit den Fahrern geworden ist.“

Ostermeier: „Die ganze Clique hat sich fast ins Hemd gemacht, aber irgendwie mußten wir ja wieder zurück. Ich hatte dann eins von diesen französischen Wüstenschiffen günstig an der Hand und das wäre auch gut gegangen. Aber die Hippis sollten ja unbedingt mit uns zurück.“

Koch: „Ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir uns dann auf die Bettelei eingelassen haben. Schließlich haben wir uns breit schlagen lassen und alle fuhren bei uns im Bus mit. Bis Algerien hieß es erst, später bis Marokko, am Schluß wollten sie in Spanien in den Zug steigen. Aber bis dahin lagen noch achttausend Kilometer vor uns. Einer von den Spinnern hatte tatsächlich unsere Kisten mit den Proben gerettet. Das fand ich irgendwie rührend. Darauf hin haben wir wohl ja gesagt.“

Das Team von Markus Ostermeier und die beiden Bulli-Fahrer einigen sich schließlich, die kürzeste Wegstrecke in Richtung Norden einzuschlagen und erst dann nach Osten auszuweichen, wenn die Pistenverhältnisse es nicht anders zulassen. Einige Probleme bereiten auch die teilweise fehlenden Papiere. Zoll und Polizei würden sicherlich noch erhebliche Probleme machen, so Ostermeier.

Tobias Auerbach: „Die Rückfahrt war dann ein totales Rechenexempel. Wie viel Zulast war maximal möglich und welche Mengen an Benzin und Wasser waren nötig. Jetzt waren wir zu sechst, was schon unter normalen Umständen ziemlich eng im Bulli geworden wäre. Das ganze war ein kompletter Schwachsinn, aber lustig. Daher habe ich mich breitschlagen lassen. Was wir nicht bedacht hatten war, daß außer dem weit höherem Spritverbrauch auch alle anderen Systeme im Bulli weit mehr beansprucht waren. Es war aus heutiger Sicht lebensgefährlich. Aber es war 1977, es war Afrika, es war Abenteuer und wir waren alle jung. Zunächst kostete der Spaß außer Sprit und Nerven nichts weiter als die Lust am puren Nervenkitzel.

Natürlich fiel auch als erstes die Bremse aus. Wir hatten fast 1400 kg Zulast und die Bremsen gingen einfach in die Knie. Der Hauptbremszylinder war dem Gewicht nicht gewachsen, dem er jetzt entgegenwirken mußte. Ich war wenigstens zwei mal am Tag damit beschäftigt, Reparaturen am Bulli auszuführen. Die Kisten mit unseren Proben haben wir in Lagos verschifft. Zielhafen: Rotterdam. Wenigstens die Sorge waren wir los. Das Hauptproblem war aber die unbedingt nötige Wasserversorgung. Die Mengen, die für sechs Personen auch bei minimalen Rationen pro Tag nötig waren, schlugen mächtig zu Buche. Der Mehrverbrauch an Spritt zwang uns, weitere zwei 30 l Kanister aufs Dach zu packen. Die Verteilung des Gewichts war ebenso ein Problem. Spätestens auf den sandigen Pisten mußte genau berechnet sein, wie viel Last auf jedes Rad treffen durfte. Das war echt höhere Mathematik. Und die Spinner hatten zu allem Ärger immer noch ihren Senf dazu zugeben. Die steigenden Temperaturen ließen die wieder völlig durchdrehen.“

„Wir hatten nur drei Kisten anständige Getränke dabei. Die Hippi-Planwirtschaft mit dem Wasser und dem ganzen Mist machte uns völlig krank. Dies ging nicht und da sollte niemand sitzen. Die Hinfahrt war dagegen eine Luxuskreuzfahrt.“ Markus Ostermeier erinnert sich weiter: “ Dann hat die Karre Öl verloren. Wir haben mehr Öl als Sprit verfahren. Der Ahrends hatte keine vernünftigen Papiere. Das sollte noch heiter werden. Wir dachten schon daran, an den Grenzposten nachts vorbeizufahren, den Thomas in Mali abzusetzen und dann zurück und regulär durch die Grenze zu fahren. Hinterher hätten wir ihn ja wieder aufgesammelt. Aber dazu hatten sie alle nicht den nötigen Mut.“

Bernd Koch: „Schließlich fiel auch die Lichtmaschine aus und das kostete uns echt die letzten Nerven. Wenn ich mir überlege, daß wir uns das alles nur angetan hatten, weil wir diese Typen nicht in Lagos hängen lassen wollten. Wir fuhren ohne Begleitung, wovon an sich schon jeder abrät. Wir hatten ein ernsthaftes Versorgungsproblem und wir hatten nur die eine Hoffnung: Hoffentlich läßt uns der Bulli nicht hängen. Später verbrachte der Thomas und der Tobias die meiste Zeit während der Fahrt auf dem Dach. Tobias konnte von oben mit dem Fernglas die Piste besser ausmachen und dem Thomas war der Bus zu eng. Mit den Tüchern auf dem Kopf sahen sie aus wie Tuareg. Vielleicht wurden wir auch deshalb von Einheimischen völlig in Ruhe gelassen. Markus oder ich fuhren den größten Teil der Strecke. Nachts schliefen wir immer in unmittelbarer Nähe zur Piste, um auf keinen Fall im Sand hängen zu bleiben und im Notfall gleich durchstarten zu können. Keiner wußte, wie man auf sechs Deutsche reagieren würde, die mit einem VW-Bus und mangelhaften Papieren quer durch Afrika reisten. Die Nächte waren unerträglich. Tobias und ich hatten unser Zelt, das wir neben dem Bus aufbauten. Thomas und Markus schliefen auf, die anderen beiden im Bulli. Der Andreas Weinzierl wurde dann zu allem Überfluss auch noch krank und wir waren mitten in der Wüste. Wir hatten nicht viel Medizin dabei. Es war reine Menschenquälerei. Unterwegs trafen wir Deutsche, die mit einem umgebauten Mercedes-Bus auf dem Weg nach Marokko waren. Denen schlossen wir uns an. Allerdings waren das noch unangenehmere Typen als unsere Spinner. Dennoch blieben wir bis zur Algerischen Grenze zusammen. Auf die Weise konnten wir den Bulli etwas entlasten, denn zwei von uns fuhren im Mercedes mit. Der hatte allerdings laufen eine Panne nach der anderen. In der Wartezeit richtete der Tobias unseren Bulli immer wieder soweit her, daß wir uns schließlich Etappe für Etappe nach Hause schleppen konnten.“

An der Algerischen Grenze hängt die Truppe schließlich fest. Wie vermutet führen die mangelhaften Papiere und der fehlende Pass von Thomas Ahrends dazu, daß die Truppe für mehr als vierzehn Tage an der Grenzstation Bordi Mokhtar festsitzen. Bernd Koch und seine arabischen Sprachfähigkeiten helfen erneut. Am fünfzehnten Tag und ungezählten Anläufen sowie drei Nächten in einer algerischen Arrestzelle können die Sechs schließlich mit einer vorübergehenden Erlaubnis bis zur Polizeistation in Adrar weiter fahren. Sie bekommen eigens eine Polizei-Escorte.

„Das war wie im Western – ein einziger schlechter Film. Die wollten uns einfach nicht mehr gehen lassen. Da kamen Laster, die waren bis unters Dach gespickt, voll mit Waren. Die wurden einfach durch gewinkt. Uns haben sie festgenagelt und hatten jeden Tag was Neues zu meckern. Denen war doch völlig egal, wie´s dem Andi ging oder einem von uns. Uns ging das Wasser aus und die haben uns noch nicht mal an den Brunnen gelassen. Beim leisesten Motzer kam sofort der Flintenheini und hielt uns seine Kalaschnikov unter die Nase. Das hat uns echt mürbe gemacht. Dann haben wir das letzte gemacht, was wir machen konnten und haben ein paar Scheine aus der Tüte gelassen. Und schon am nachmittag ging´s weiter. Da ist uns allen mal ausnahmsweise gemeinsam die Galle übergelaufen. Sogar die Hippis sind im Dreieck gesprungen. Der eine von den beiden hat ständig auf arabisch geplaudert und uns hat er irgendwas von einem Regierungsauftrag erzählt. Das hat alles nicht geholfen. Die Scheine waren es und  basta. Die haben uns das Leben gerettet.“ Markus Ostermeier weiter: „Und dann haben sie uns so einen Granatenheinz auf die Spur gesetzt. Mit seinem Kübel hat der uns einen ganzen Tag lang verfolgt. Und plötzlich ist der umgedreht und verschwunden. Aus heiterem Himmel mitten im Nichts. Keine Ahnung. Aber wir waren am Abend der Meinung, daß wir hier nicht noch mal herkommen. Echt keine Ahnung, wie wir das nervlich durchgehalten haben. Echt, keine Ahnung“

Erst nach weiteren zehn Tagen und erneuten erheblichen Schwierigkeiten an der marokkanischen Grenze erreichet der Bulli mit allen sechs Insassen und erheblichen Anstrengungen von Mensch und Material Melilla/Nord-Marokko und somit das Mittelmeer. Von hieraus schifft sich die Truppe nach Spanien ein und erreicht am 15. April 1977 in Almeria europäisches Festland. Hier trennen sich ihre Wege. Ostermeier, der kranke Weinzierl und Sennhofer fahren mit dem Zug nach Hause. Bernd Koch und Tobias Auerbach fahren zunächst nach Rotterdam, um die Kisten mit den Gesteinsproben abzuholen. Später werden sie die Proben in Deutschland einem Labor übergeben, um mit dem von ihnen gesammelten Gestein radioaktive Werte nachzuweisen, die durch französische Atomwaffenversuche Mitte der siebziger Jahre in Nordafrika durchgeführt wurden. Die Ergebnisse der Tests wurden niemals bekannt gegeben.

Noch heute gilt unter Kennern die Route über Algerien und die Tanezrouft-Piste als schwierig und ohne die nötigen Papiere, Kenntnisse an Sprache, Region sowie technischer Geschicklichkeit nicht darstellbar.

(Thomas Ahrends)





KEINE AHNUNG (TEIL 4)

25 02 2011

Teil 4: Im präparierten Tank verstaut

Am 25. Februar 1977 erreicht das sechsköpfige Team von Markus Ostermeier mit allen verbliebenen vier Fahrzeugen nach rund neuntausenfünfhundert Kilometern zum Teil beschwerlicher Wegstrecke Lagos, die damalige Hauptstadt Nigerias, und den Golf von Guinea. Es gelingt ihnen, die Fahrzeugean dem Käufer wie vereinbart zu übergeben und den erhofften Erlös dafür zu erzielen. Kilian Haas und Hans-Christian Brauer beschließen, von hier aus die Heimreise mit dem Flugzeug anzutreten. Die anderen, unter ihnen der wieder genesene Thomas Ahrends, wollen auf dem Landweg zurückkehren. Markus Ostermeier, Andreas Weinzierl, Martin Sennhofer und Thomas Ahrends mieten sich in einer Pension am Stadtrand der Milionen-Metropole ein und verbringen einige Tage in Lagos. Das tropische Klima setzt Markus Ostermeier jedoch schnell zu. Daraufhin wird beschlossen, so schnell wie möglich die Rückfahrt zu organisieren.

Bernd Koch und Tobias Auerbach hingegen nehmen an der Grenze zwischen Mali und Niger eine weitere Verzögerung in Kauf und warten ihr Fahrzeug gründlich. In Anderamboukane zerlegt Tobias Auerbach erneut den Antrieb. Die fehlende Lagermurmel wird ersetzt, es stellt sich jedoch heraus, daß der gesamte Antrieb durch den schweren Schlag beim Aufsetzten des Busses erheblich Folgeschäden erlitten hat. Die Reparaturarbeiten nimmt er selber vor und es gelingt ihm, von Einheimischen einige wichtige Ersatzteile zu kaufen.

Bernd Koch in seinen Aufzeichnungen: „Tobias lag einen ganzen Tag unter dem Bus und ich verbrachte die Zeit damit, unsere zahlreichen Kameras und das ganze Filmmaterial so gut es ging unersichtlich in Kisten zu verstauen. Wir hatten in der Wüste einen speziellen Wassertank gebaut, der nicht nur Wasser aufnehmen konnte. Von außen sah er nicht anders als jeder andere unserer Wassertanks aus. Die Vorsichtsmaßnahme war berechtigt. Zum einen wußte ich nicht, ob wir die Spinner je einholen würden und ob es meine Gesteinsproben dann noch geben würde. Ich hatte alles gut dokumentiert und es gab mehr als ein dutzend Filme von den Funden. Also war das Filmmaterial bei Verlust unserer Gesteinskisten doppelt wichtig. Außerdem wußten wir nicht, ob die Grenzbehörden in Niger nicht prinzipiell etwas gegen das Fotografieren hätten. Der Bus sollte nach außen einen so unpektakulären Eindruck wie möglich machen. Wenn wir Pech hätten, würden wir ohnehin länger an der Grenze fest sitzen, weil wir nicht wußten, ob unsere Visa gültig wären oder wir letztlich über Benin nach Lagos kommen müßten.

„Mir war nicht wohl bei der Reparatur.“ So Tobias Auerbach. „Der Bulli hatte bei der Wüstendurchquerung mehr als erwartet gelitten. Nicht nur die Welle hinten schien mir recht provisorisch gerichtet. Es schien, als ob der Motor an Kraft verloren hätte. Wir waren hier nicht sonderlich hoch in dem Gelände und die Kompression war normal. Ich wollte spätestens in Niamey den Motor komplett überholen. Hier fehlten mir die wichtigsten Dinge. Einen ganzen Tag verbrachten wir an einem einfachen Wasserloch und fummelten an unseren sieben Sachen herum. Bernd bestückte unsere Schatzkiste erneut mit seinen Geheimzutaten; und ich glich den Einheimischen wenigstens Äußerlich immer mehr. Abends hatten wir uns in dem Dorf ein Bier geholt und mußten wohl etwas auffällig wieder in der Dunkelheit verschwunden sein. Jedenfalls hatten wir nachts dann Besuch ohne es zu merken. Erst am nächsten Tag stellten wir fest, daß sich jemand in unserem Ersatzteilenlager bedient hatte. Unter anderem fehlten die beiden Ersatzräder auf Felge, die wir dem Bulli auf die Schnautze gebunden hatten. Es hätte keinen Sinn gemacht, sich nach ihrem Verbleib im Dorf schlau zu machen. Außerdem hatten wir noch ein Reifenpaar auf dem Dach. Also wendeten wir dem Kaff den Rücken zu und wollten den Grenzübertritt wagen. Bernd brannte der Verlust seiner Steine unter den Nägeln und ich hatte ein ungutes Gefühl bei jedem Kilometer, ob uns der Motor die zweihundert Kilometer bis nach Niamey bringen würde. Es gibt nichts, was man am Bulli nicht selber machen kann, wenn man die Teile dazu hat. Uns gingen langsam die Ersatzteile aus. Zudem waren die alten Dichtungen im Motor hinüber und das Getriebe sehr laut geworden. Der Bulli verabschiedete sich auf Etappen und ich lag jeden Tag wenigstens eine Stunde unter unserem Auto. Nur gut, daß wir die zentnerschweren Kisten nicht dabei hatten.“

Bernd Koch:„Unterwegs fanden wir dann nach gut hundert Kilometern die erste Spur von unserem Konvoi. Zunächst fanden wir eine leere Bierkiste am Straßenrand, was nicht unbedingt eine Seltenheit ist. Aber da es die Kiste einer sehr speziellen bayerischen Brauerei war, schwanden alle Zweifel. Wenig später hielten wir in einem Dorf, um frisches Gemüse zu kaufen. Wir hatten seit drei Monaten keines mehr gesehen und es war klar, daß der Tobi sofort eine Gemüsesuppe machen wollte. Dort erfuhren wir von einem der Einheimischen, daß vor wenigen Tagen schon ein paar völlig Verrückte vorbeigekommen seine und das Dorf mit riesigen Lastwägen beinahe niedergewlzt hätten. Wir blieben den Abend, da wir eingeladen wurden und eine wie auch immer geartete Wiedergutmachungs-Verpflichtung uns fest hielt – und bekamen Ziege. Gebraten mit gedünstetem Gemüse. Es war ein Hochgenuss, einzig getrübt von meiner heimlichen Wut auf die Spinner, die wie ein Schwelbrand in mir glomm.“

Koch und Auerbach erreichen nach weiteren zwei Tagen schließlich auch Niamey und erfahren auf der Suche nach dem kranken Thomas Ahrends im zweiten Krankenhaus vom Besuch eines fieberkranken Deutschen. Der Vorfall läge schon gut eine Woche zurück. Wieder sinken die Chancen, den Konvoi noch zu erreichen und die beiden verabschieden sich gedanklich von ihren Proben. Während einer einwöchige Motorinspektion in einer Werkstatt, an dem ein handgemaltes VW-Emblem zu erkennen ist, richtet Auerbach zusammen mit einem französischen Werkstattmeister den weitgehend defekten Motor. Es gelingt, auch den Antrieb wieder zufriedenstellend zu reparieren. Ein Ersatzgetriebe ist nicht aufzutreiben. Koch und Auerbach brechen zu ihrer letzten Etappe nach Lagos auf. Von dort wollen sie sich samt Bulli nach Hamburg oder Rotterdam einschiffen. Zum Semesterende will Koch wieder in Deutschland sein. Zwei Tage später – am 7. März 1977 – erreichen auch sie nach einem nahezu viermonatigen Studienaufenthalt in der Sahara und einem atemberaubenden Umweg in den letzten drei Wochen zusammen mit dem Team von Markus Ostermeier gesund und ohne größere Schäden am Fahrzeug den Golf von Guinea. Bei der Einfahrt auf das Hafengelände fahren sie unabsichtlich und mit beinahe schweren Folgen den völlig verdatterten Markus Ostermeier über den Haufen.

(Fortsetzung folgt)





KEINE AHNUNG (TEIL 3)

24 02 2011

Teil 3: Fasching

„Am meisten hat mir eigentlich die Musik gefehlt,“ so Markus Ostermeier. „Wir waren immer gut mit Wasser versorgt. Der Andi hat da genau drauf geachtet. Sprit ist uns nur einmal ernsthaft knapp geworden, das hat dann aber irgendwie gut hingehauen. Aber wenn du das Radio angeschaltet hast, kam von morgens bis abends dieser monotone Singsang. Auf allen Kanälen. Die hatten ja nur zwei oder drei. Also auf allen drei Kanälen Singsang. Man, das hat uns echt den Nerv angesägt. Und dann waren wir endlich durch diese Hölle, die uns die beiden Scherzkaiser eingebrockt hatten draußen und in der Oase angekommen und schon gings weiter mit dem Gesinge, aber diesmal in Natura. Aber das war uns dann erst mal egal. Unsere Kisten sahen alles andere als verkaufsfrisch aus. Den Bus hatte es etwas am Kühler erwischt. Da war nicht mehr viel dran vorne. Und dem Möbelwagen  gings wie uns: Völlig ausgelaugt. Dann hab ich erst mal das ganze Gerümpel aus dem Bus in den Transporter umgeladen und wir hatten einen bequemen Schlafplatz, der auch noch geschlossen war. Da hätte ich echt früher drauf kommen können, echt wahr.“

„Als wir in Tessalit ankamen, war von uns allen nicht mehr viel übrig. Die Abkürzung hatte sich als absolute Falle herausgestellt. Da wären wir selbst über In Salah viel schneller gewesen, selbst wenn wir da tausend Kilometer verschenkt hätten. Außerdem hat der Spaß meine ganzen Küchenteile gekostet. Jedesmal, wenn was geklemmt hat, mußten wir wieder ein Brett aus dem Bus holen. Eins nach dem anderen ging so flöten und am Schluß blieb nur noch das Eisenzeug übrig, eine Spüle und ein paar Rohre. Das hab ich dann an der Grenze hergeben müssen, sonst hätten die Militzenheinis uns niemal weiterfahren lassen. Aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte gewesen. Der Andi hat jedesmal eine neue Konstruktion erfunden und den Bus immer wieder aus dem Ärgsten rausgeholt. Der Brauer und der Ahrends hatten zu schuften wie die Tiere. Ich glaube, daß sich der Thomas Ahrends dabei auch das Schlamassel mit dem Fieber zugezogen hat. Der hat am Ende nur noch geschaufelt und der Brauer mußte immer wieder die Schleppleine anbringen. Die haben mir echt leid getan, die Beiden. Der Martin mit dem blauen Deutz hatte mich eigentlich die meiste Zeit an der Stange geschleppt. Die VW-Fritzen waren oft Stunden voraus und Markus und Andi ließen sich genügend Zeit, um nicht beim Busschaufeln mitmachen zu müssen. Völlig erschöpft war der Kleine und ist uns dann natürlich zusammengeklapt.“ Kilian Haas verliert auf der Fahrt bis Tesalit seinen gesamten erhofften Nebenverdienst, der aus dem Verkauf der Küchenmöbel und Geräte herausspringen soll. Die Milizen beschlagnahmen die letzten noch verbliebenen Eisenteile.

Der Konvoi erreicht die Sahel-Zone, Thomas Ahrends erkrangt ernsthaft und kann den Bus nicht weiter fahren. Christian Brauer übernimmt das Fahrzeug, das im Laufe der nächsten Etappe zum fahrenden Krankenlager mutiert. Andreas Weinzierl baut eine Sitzreihe aus, der fiebrige Ahrends wird dort auf eine Matratze auf den Boden gelegt und mit Aspirin versorgt. Weitere medizinische Versorgung findet vorerst nicht statt. Bis Menaka soll Ahrends aushalten. Dort vermuten Bernd Koch und Tobias Auerbach laut ihrer Karte einen Flughafen. Aber erst in Niger und etliche hundert Kilometer weiter kann der mittlerweile kaum noch ansprechbare Ahrends zu einem Arzt gebracht werden. Allerdings werden die Straßenverhältnisse immer besser, je weiter sich der Konvoi Richtung Süden bewegt. In Niamey beschließt Markus Ostermeier und sein Team, ihren kranken Freund in ein Flugzeug zu setzen und nach Hause zu bringen. Brauer soll ihn begleiten. Ahrends mobilisiert sämtliche Kräfte und will weiter bei der Truppe bleiben. Sie erhalten Medikamente und eine Impfung. Es stellt sich heraus, daß es sich bei dem Fieber nicht wie zunächst befürchtet um das gefährliche Kongo-Grippe Virus handelt. Somit glaubt die Gruppe weiterhin daran, auch die letzte Etappe, tausend Kilometer bis Lagos zu schaffen, dort die Fahrzeuge zu verkaufen und den Heimweg antreten zu können.

„Endlich kamen wir aus dem Meer aus Sand wieder in etwas gemäßigtere Gefilde“ schreibt Bernd Koch in seine Reiseaufzeichnungen vom Februar 1977. „Tobias und ich waren fast drei Monate in der Wüste gewesen und hatten alles eingesammelt, was uns für unser Projekt hilfreich erschien. Eigentlich hatten wir uns ganz gut eingelebt. Über die Heimfahrt hatte weder Tobias noch ich bisher nachgedacht. Wir hatten nicht damit gerechnet, daß der Aufbruch so schnell kam. Wir hatten außerdem nicht damit gerechnet, daß wir uns einem Haufen von völligen Chaoten angeschlossen hatten. Die Ausrüstung für deren Vorhaben war erbärmlich und bestand eigentlich nur aus kaputen Trödel. Wir hatten die Karten, sie das Ziel.“

Tobias Auerbach: „Wir hatten endlich die gefährliche Passage bis Tessalit hinter uns, als Thomas Ahrends krank wurde. Ab dem Zeitpunkt wurde für die fünf anderen die Weiterfahrt zur einer Art Ralley Paris-Dakar. Bis zur Grenze nach Niger waren bestimmt noch dreihundertfünfzig Kilomerter zurückzulegen. Danach gab es nochmals eine lange Etappe bis Niamey. Das zogen die an einem Tag durch. Nicht, daß wir die schöne Aussicht genießen wollten, aber wir waren schließlich zum ersten mal hier und hatten uns die Fahrt durch die Sahelzone etwas anders vorgestellt. Der Tacho in unserem Bulli war ausgebaut, den hatten wir auf einem Automarkt vor einigen Wochen gegen weitere Lebensmittel getauscht. Von allen Instumenten schien mir der Tacho in der Wüste das unnötigste Instrument. Jetzt bedauerten wir es sehr. Zum einen ließ sich die Entfernung immer nur schätzen, zum zweiten hätte ich gerne gewußt mit wie viel Stundenkilometern wir durch die Landschaft donnerten. Der Bus wirbelte unglaubliche Staubwolken auf und die nachfolgenden Fahrzeuge mußten einen erheblichen Abstand halten. Und dann haben wir doch noch geschafft, was wir in drei Monaten Wüste zuvor nicht geschafft hatten: Bei geschätzten 1oo Stundenkilometern ging uns in einem Schlagloch die Antriebswelle flöten, als wir zudem auch noch über einen riesigen Steinbrocken schrammten. Der Schaden war nichts wirklich Ernstes, die Reparatur wurde aber zur absoluten Geduldsprobe. Erst verloren wir die Lagermurmeln, als ich das Lager zu weit abdrehte. Sie fielen in den sandigen Boden, eine ging dabei für immer verloren. Eine Ersatzwelle hatten wir dabei, nicht aber die Kugeln für das Lager. Ich hab dann dennoch das Lager wieder zusammengebaut. Ersatz würden wir schon sicher bald wieder bekommen. Aber die übrigen Kugeln wieder ins Lager zu bringen brachte uns beinahe an den Rand des Wahnsinns. Zum Glück waren die Spinner weitergefahren und wir hatten alle Zeit der Welt. Von ihnen drehte keiner um oder wartete auf uns. Ärgerlich und bedenklich war nur, daß die unsere Kisten mit den Steinen in einem ihrer LKW hatten. Als das Gefummel mit dem Lager endlich geschafft war stellte sich heraus, daß ein Anschlagring falschherum aufgesetzt war. Es war längst Nacht, als wir mit unseren Reparaturen fertig waren. Wir verbrachten die erste Nacht seit über zwei Wochen wieder alleine und ohne das mittlerweile obligatorische wenn auch lauwarme Abendbier aus dem Polizeibus.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach folgen dem Konvoi mit einem Tag Rückstand. Es gelingt ihnen jedoch nicht mehr, dei Truppe von Markus Ostermeier einzuholen. Dennoch treffen sie Markus Ostermeier, Andi Weinzierl, Martin Sennhofer und Thomas Ahrends an anderer Stelle wieder.

Ostermeier: „Mir dem kranken Kind an Bord sind wir dann etwas auf die Tube getreten. Das hatte auch was Gutes für sich: Die Hippifritzen waren wir damit erst mal los. Der Deutz war etwas schwach auf der Brust, was die Geschwindigkeit anging, der fuhr uns nach. Wir anderen traten aufs Gas, wie es nur ging. Wenn ich mir überlege, daß wir uns über sechshundert Kilometer in die Hände dieser Wahnsinnigen begeben hatten! Die hatten noch nicht mal einen Tacho in ihrer Blechbüchse. Damit sind die quer durch die Sahara. Das weiß doch jeder, daß man aus Kilometerstand, Uhrzeit und Geschwindigkeit so etwa seine Position bestimmen kann. Das mit dem Tacho kam aber erst ganz am Schluß raus. Irgendwas hatten sie die ganze Zeit über das Loch geklebt, keiner hatte was bemerkt. Der Weinzierl hat im Vorbeigehen an der Grenze mal so in den offenen Bus reingeschaut, da hat er´s dann gesehen. Da war einfach nichts an der Stelle. Kein Radio, kein Tacho, keine Uhr – nichts.

Die Straßen wurden dann etwas besser, wenigstens wieder sowas wie Piste. Da kam dann wieder etwas mehr Schwung in die Sache. Wir wollten eigentlich nur fünf LKW nach Afrika bringen und dann ab nach Hause. Zum Fasching hatte ich meiner damaligen Süssen zu Hause versprochen, wieder daheim zu sein. Fasching! Die ganze Fahrt war eigentlich ein einziges Kasperltheater. Der Sperrmüll vom Kilian war irgendwie weg, keine Ahnung. Dehalb hatten wir jetzt auch mehr Platz in den Kisten. Wir schliefen immer in unseren Autos, niemals im Freien oder in einem von den armseeligen Dörfer. Man, die waren so arm, das kann man sich heute garnicht mehr vorstellen. Ich hab da keinen einzigen Menschen gesehen, der nicht irgend eine Schramme im Gesicht gehabt hätte, auch die Kinder. Ein total vernarbtes Volk. In einem dieser Dörfer hat dann der Martin, glaube ich, eine Ziege überfahren. Die war nur noch Hackbraten. Da gabs vielleicht ein Geschrei im Dorf. Wir waren Gott sei dank schon durch aber wenn wir da gehalten hätte – gute Nacht Marie. Die hätten uns sicher gleich mit auf dem Spieß gedreht. Überhaupt war der Süden nicht mehr so meins.“

Martin Sennhofer erinnert sich:“ Ich war echt froh, daß wir das mit dem Thomas dann so gut hingebracht hatten. Wenn der uns in der Wüste verreckt wäre – den Streß hätte ich nicht haben wollen. Der Markus hat uns schon gereicht. Der ist gebrochen wie ein Wilder. Er natürlich vorneweg mit dem Bus. Der konnte dann immer schneller, weil die Piste irgend wann mal geteert war und da hat der natürlich alle hinter sich gelassen. Wir anderen konnten es etwas ruhiger angehen lassen. In der Stadt hatten wir dann endlich den Thomas zum Arzt gebracht. Da brauchte man wieder jede Menge Unterlagen und Bescheinigungen. Der Weinzierl hatte einen ganzen Ordner dabei, alles Kopien von Sonstwas. Für den Zoll – und auch unterwegs hat man uns immer mal wieder angehalten und dann mußte ein Papier aus dem Ordner rausgelassen werden und dann gings wieder weiter. Ich hab das ja immer nur so am Rande mitbekommen. Der Magirus war unglaublich langsam und deshalb war ich auch immer hinter den Anderen. Also hat mich bei den Kontrollen auch niemand mehr nach irgendwas gefragt. Spätestens am Benz hatten die keine Lust mehr, weiter nach irgendwas zu suchen. Wir hatten außerdem noch den einen oder anderen Trödel mit dabei. Wenn das mit den Papieren nicht reichte, gabs Kaugummiautomatenschmuck oder einen billigen Wecker oder sowas. Im Krankenhaus hatten die dann aber echte Papiere gebraucht. Das hat der Markus ganz gut gedreht. Der Thomas hatte ja noch nicht mal seinen Ausweis dabei, soweit ich mich erinnere.

Wo die zwei Bullitypen dann eigentlich geblieben sind – keine Ahnung.“

(Fortsetzung folgt)





KEINE AHNUNG (TEIL2)

21 02 2011

Teil 2: Im Polizeibus durch Satans Garten

Bernd Koch und Tobias Auerbach schließen sich mit ihrem Bulli T1 dem Konvoi an und begleiten Markus Ostermeier und sein Team auf der geplanten Route nach Agadez. Kurz hinter Tamanrasset jedoch ereignen sich zahlreiche ungeahnte Zwischenfälle, die den Konvoi von der geplanten Route abbringen und eine gefährliche Strecke quer durch die Sahara einschlagen lässt.

„Wir hatten kaum die Steineklopfer im Schlepp, da ging auch schon die ganze Kiste mit den Überfällen los. Als hätten sie nur darauf gewartet. Erst haben wir sie nur von der Ferne gesehen. Anscheinend haben sie sich nicht so nah an uns heran getraut oder wollten nur sicher sein, daß wir auch weit genug aus dem Gebirge raus sind. Und dann – zack – kam der erste Angriff. Der Christian fuhr als letzter mit dem Bus. Den haben sie sich rausgesucht. Erst fuhren wir noch eine Weile parallel zusammen auf der Piste. Die Bullifritzen scheren plötzlich nach links weg in die Pampa und das hat die Typen wohl gereizt. Jedenfalls die drauf auf den Bus. Die sind von ihrem Laster einfach während der Fahrt auf den Bus geklettert, wenigstens fünf oder sechs. Der Christian hat dabei die Nerven verloren und ist mit der schweren Kiste auch nach links abgezogen. Außer dem grünen Bus hatten wir noch im Deutz und im Krankenwagen ein Funkgerät an Bord. Ich hab dem Martin dann über Funk gesagt, er soll mit seinem LKW hinterher. Ich dachte, er könnte vielleicht die Typen abschrecken. Und außerdem haben wir dann gleich einen starken Wagen, der den Bus da wieder rausziehen könnte. Das hat auch funktioniert. Wir anderen sind auf der Piste geblieben. Was hätten wir machen sollen. Die Hippifritzen sind aber irgendwie dazwischen mit der Krümelkiste und haben irgendwas mit den Typen ausgehandelt. Plötzlich waren sie weg. So schnell konnten wir gar nicht schauen. Das war aber noch lange nicht alles.“

Tobias Auerbach, der technisch versierte Beifahrer von Bernd Koch, beurteilte die Situation wie folgt:

„Um den Bulli nicht zu einseitig aufzulasten, hatten wir die Kisten mit den Gesteinsproben immer vorne unter unseren Füßen gehabt, die Tanks waren hinten über dem Motor und auf dem Dachträger verstaut, das Werkzeug, die Ersatzteile und das ganze Equipment für die Fahrt war auch hinten auf dem Träger untergebracht. Weil die Spinner uns die Kisten mit den Proben unbedingt abnehmen wollten haben wir das Fahrzeug neu umlasten müssen. Unter anderem hatten wir das zweite Ersatzrad auf Felge noch zusätzlich vor das andere an der Schnautze angebracht. Das Werkzeug lag jetzt vorne und die Tanks in der Mitte. Damit war der Bulli ziemlich ausgewogen belastet. Trotzdem hatten wir auf der Hoggar-Piste ein ganz schönes Geschaukel im Wagen. Dazu kam, daß wir nicht nur den ganzen Dreck von den LKW abbekamen sondern auch den ganzen Dieselqualm von dem Möbelwagen. Den hatte es offensichtlich ganz schön erwischt und ich verstehe heute noch nicht, was der in dem Konvoi zu suchen hatte.
Wir hatten fast zwei Monate im Hoggar-Gebirge gegraben und gesammelt und uns schon gut an die Hitze gewöhnt. Die Bayern hatten da weit größere Probleme. Dazu waren alle ständig nervös und gereizt. Als dann die Rebellen mit dem Unimog kamen, hat der Hans-Christian, der den Bus fahren mußte, die Nerven verloren und ist mit dem schweren Fahrzeug einfach von der Piste in die Dünen gedonnert. Wir sind sofort hinterher. Die Einheimischen wollten sich den Polizei-Bus offensichtlich näher ansehen. Wir hielten neben dem Unimog. Bernd sprach gut arabisch, das half uns oft. Aber die Vier hier wollten uns nicht verstehen. Zwei von ihnen hatten eine Art Militäruniform an. Die beiden anderen waren komplett in Tücher gehüllt. Wir boten ihnen Wasser und Polaroid-Bilder an. In dem grünen Bus lag jede Menge Schrott und altes Küchenmobiliar – offensichtlich waren sie bereit, etwas dagegen zu tauschen. Wir gaben ihnen einen Wasserhahn und eine Kaffeemaschine, sie ließen uns in Ruhe. Damit war dann der Handel abgeschlossen. Die beiden mit den Tüchern halfen sogar noch beim Freischaufeln, der Bus stand vorne bis zum Kühler im Sand.
Nach einer Stunde kam dann der blaue LKW vom Martin. Wir hatten die ganze Zeit den Funkverkehr der anderen mitverfolgen können und nur gehofft, daß keiner der Einheimischen auch nur ein Wort Deutsch sprechen würde. Als die Tuareg dann wieder weg wahren, hat der Andreas Weinzierl dann erst mal eine Gardinenpredigt vom Stapel gelassen, weil der Christian sich so schnell von der Straße hätte abdrängen lassen. Wir hätten außerdem ab sofort ganz vorne zu fahren – was uns nur recht war. Die waren alle richtig gereizt und wir wollten keinen Stress mit denen haben.“

Mit einiger Mühe gelingt es, den Bus zurück auf die Piste zu bringen. Von nun an fahren Bernd Koch und Tobias Auerbach dem Konvoi voran. Doch schon nach wenigen Kilometern erfolgt der nächste Zwischenfall.

Kilian Haas: „Die verdammt Hitze hat uns alle total fertig gemacht. Jeden Tag vierzig, fünfzig Grad im Cockpit. Dazu der Staub vom Vordermann und die schlechten Pisten. Da liegen einem die Nerven natürlich blank. Wasser hatten wir genug. Aber der Ostermeier hat seit dem Überfall kein Auge mehr zugetan und war ständig überall. Ich hatte noch Glück, weil ich da noch keinen CB an Bord hatte. Aber der Weinzierl hat mir echt leid getan, der mußte sich das ständig anhören. Wir waren verdammt unvorsichtig gewesen. Wenn wir im Gebirge angegriffen worden wäre, hätten wir wahrscheinlich den Bus samt dem Brauer verloren. Da lagen überall alte Autos auf dem Dach und in den Schluchten lagen die Tankwagen. Und die Strecke war nur dann zu ertragen, wenn Du mit wenigstens achzig Sachen über die Wellblech-Piste gedonnert bist. Das ging oft stundenlang, das Gerüttel hat einem das Gehirn weichgeschüttelt. Als wir dann noch knapp 160 Meilen von der Grenze entfernt waren, hat sich meine Kiste verabschiedet. Da hingen wir erst mal zwei Tage. Der Weinzierl hat Tag und Nacht unter dem Diesel gehangen, der Ostermeier wollte nochmal zurück nach Tamanrasset und irgendwo Teile für den Dreineunzehner auftreiben. Schließlich haben wir alles aus dem Krankenwagen ausgebaut und meine Kiste wieder an den Start gebracht. Der Ostermeier wollte unbedingt den Möbelwagen durchbringen – keine Ahnung.“

Die Truppe läßt den Krankenwagen weitgehend ausgeschlachtet zurück. Motor und Getriebe werden getauscht und die E-Anlage zusätzlich in den spanischen Möbelwagen eingebaut. Nach einer Pause von fast drei Tagen setzt sich der Konvoi Richtung Agadez in Bewegung.

Ostermeier: „Wir kamen einfach nicht mehr vernünftig voran seit Tamanrasset. Die Hitze war echter Wahnsinn. Und dann die Sache mit dem Benz. Eigentlich hatten wir den nur dabei, um Ersatzteile für den Krankenwagen zu haben. Aber dann war mir klar, daß der Transporter weit mehr brachte in Lagos als der ausgediente Krankenwagen. Da haben wir es genau umgedreht gemacht und haben den Laster wieder hergerichtet – so gut das in der Wüste eben ging. Aber dann fing der Ostwind an und wir hatten keine Minute Spaß mehr. Der Sand kroch durch alle Ritzen. Wenn man aufgestanden ist vom Sitz, ist einem ein richtiges Rinnsal aus der Hose gerieselt. Wir glaubten echt, das ist jetzt das Ende. Aber in der Nacht kam dann erst der richtige Sturm. Da haben wir eine Wagenburg gemacht und konnten wieder einen ganzen Tag abschreiben.“

Bernd Koch: „Das Gebiet, das wir durchfuhren, hieß nicht umsonst Satans Garten. Der Sturm zwang uns zum Abwarten. Warum Weinzierl und Ostermeier dann allerdings ihre Fahrzeuge von der Piste weg in die Dünen stellten, bleibt bis heute ihr Geheimnis. Tobi und ich versuchten, den Bulli so weit wie möglich mit Planen zu schützen und verkrochen uns dann in den Bus. Das Wetter dauerte dann eine ganze Nacht. Solche Sandstürme sind nichts ungewöhnliches in der Gegend. Wir hatten vor einem Monat einen ganz anderen Sturm erlebt. Am morgen hatte der Sturm nachgelassen. Die Reinigung der Sachen dauerte gut einen Tag. Es gabt keine Stelle, in die der Sand nicht eingedrungen war und man kann sich vorstellen, wie schnell man hier draußen ohne Schutz für immer verloren ist. Wir waren eigentlich startklar für die nächste Etappe. Nur der grüne Bus hing wieder fest. Diesmal hing er auf einer Seite bis über die Fenster im Sand. Der Stürm hatte über Nacht eine Düne gefährlich nah an die Fahrzeuge geweht. Wir hatten unsere zwei Spaten und die dünne Schaufel aus dem blauen THW-Laster. Damit schaufelten wir bis in die Abendstunden. Der Andreas Weinzierl sprang im Viereck und uns hing die Zunge bis zum Boden. Niemals hab ich höhere Temperaturen erlebt. Nichts konnte man anfassen, nichts essen, das nicht im eigenen Sud schwamm. Die Getränke waren nahezu kochend heiß. Im Schatten maßen wir fünfundvierzig Grad. Es ging an unsere Kraftreserven und Tobi und ich waren kurz davor, uns vom Konvoi zu trennen. Markus Ostermeier überredete uns dann doch noch. In der Wüste hilft man sich gegenseitig, sonst ist man verloren.“

Die von Koch und Auerbach geplante Route nach Maradi über Agadez sieht vor, die schweren Fahrzeuge auf einer möglichst stabilen Piste in den Süden zu führen. In der Nähe von Arlit befindet sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein weitläufiges Tagebau-Gelände. Der Abtransport des geförderten Gesteins erforderte wenigstens halbwegs befestigte Straßen für schwere Lastwagen. Am Grenzübergang zwischen Algerien und Niger, den der Konvoi auch auf Grund des schlechten Wetters und der immer wieder verwehten Fahrbahn erst eine Woche nach Aufbruch in Tamanrasset erreicht, wird jedoch schnell klar, daß die einzige derzeit befahrbare Strecke über die weit westlicher gelegene Buckelpiste In Guzzeam, Ingal nach Agadez führen soll. Die Treibstoff- und Trinkwasserreserven, die fast gänzlich erschöpft waren, werden neu aufgefüllt und die Grenzformalitäten abgewickelt. Am Morgen des 14. Ferbruar 1977 öffnet sich schließlich nach zähen Verhandlungen bezüglich der Verzollung der Fahrzeuge der Schlagbaum und die Truppe um Markus Ostermeier startet ein weiteres Mal ins Ungewisse.

„Wir hatten die Nase echt gestrichen voll von dem ständigen Gequatsche an der Grenze.“ Ostermeier erinnert sich: „Die wollte natürlich unbedingt die Fahrzeuge neu verzollen. Einer von den Hippis konnte aber ganz gut Arabisch. Die haben irgendwas gedreht, dafür durften wir zwei Tage vor der Schranke warten. Dann fährt man am Schlagbaum vorbei und ist noch lange nicht raus aus dem Land. Wir dachten echt, daß wir die Hälfte hinter uns hätten und jetzt nur noch durch die Sahel-Zone und dann ab nach Lagos müßten. Aber nach knapp zehn Kilometer kam das Militär hinter uns her und  die haben überhaupt keinen Zweifel daran gelassen, daß wir sofort wieder umkehren sollten. Weil der Bus so voll war, blieb er beim Wenden gleich wieder im Sand hängen und wir mußten wieder Schaufeln. Die Militär-Fuzzis haben sich das Ganze mit angesehen und die ganze Zeit an ihren MGs rumgefummelt. Das war vielleicht ein Jubel, als wir wieder zurück in Algerien waren. Diesmal half auch kein Arabisch vom Hippifritzen. Ich und der Andi haben uns dann für eine neue Route entschlossen, aber dir würde halt etwas länger dauern.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach stecken eine fast unglaubliche Strecke Richtung Westen ab und hoffen, irgendwo bei Moktar auf die damals schon berühmt-berüchtigte Tanezrouft-Piste zu gelangen. Von dort wollen sie die Grenze nach Mali überqueren. Die Route soll sie über Labbezanga zurück nach Niger bringen. Vom wesentlich westlicher gelegenen Niamey aus wollen sie schließlich über Kamba nach Nigeria kommen. Der Umweg soll die Truppe letztlich fast drei Wochen kosten. Markus Ostermeier über den weiteren Verlauf der Fahrt:

„Ja, irgendwie waren die beiden Hippis garnicht so schlecht. Die konnten sogar noch nach den Sternen fahren, wenns nötig war. Gefahren sind wir zunächst eigentlich nur noch nach den schwarzen Stempen, die irgendwo in der Landschaft rumstanden. Dann kamen Dünen und dann war auch irgendwann Ende mit der Piste. Der Boden war mal hart, dann wieder völlig sandig. Jedesmal blieb der Bus irgendwo hängen. Es war der pure Wahnsinn. Die Pisten laufen meistens von Norden nach Süden. Kein Mensch fährt von Osten nach Westen. Wir haben dann so einen Wadi erreicht und von da ab wenigstens nur Steine im Weg gehabt. Der Deutz hatte die beste Bereifung, also fuhr der Martin vorweg. Dann der Setra und dann der Haas mit dem Möbelwagen. Ich und der Andi, wir hatten den neunelfer Fernmeldewagen. Die Hippis mit dem Bulli waren auch irgendwo mit dabei. Das ging dann gut sechshundert Kilometer durch die absolute Pampa. Wenn dir da der Sprit ausgeht, bist du verratzt. Der Möbelwagen mit den kleinen Rädern hat die meisten Probleme gemacht. Nach zweihundert Kilometern hatte ihn der Martin dann mit der Stange geschleppt. Die beiden Kinder im Bus hatten eigentlich das beste Leben, weil die nur dem Martin hinterher fahren mußten. Aber eines hatte die Sache auch für sich: Hier war es so einsam, da kam nicht mal zufällig jemand vorbei. Also hatten wir vor den Wüstensöhnen unsere Ruhe.“

Bernd Koch: „Seit In Guezam fuhren wir dem Trupp voraus. Wir hatten vor einiger Zeit von einer Querverbindung zwischen den beiden bekannten Nord-Süd-Pisten gehört. Ein Einheimischer hatte uns auf meiner Karte sogar ein paar Skizzen gemacht. Allerdings waren wir uns nicht sicher, ob wir auch tatsächlich auf der richtigen Route waren. Der Bulli war großartig. Auf der ganzen Strecke hatte er keine Mucken gemacht und seit wir das Gewicht umverteilt hatten, stand er zwar schwer aber stabil im Gelände. Nach zweihundert Kilometer durch sandiges Gelände war letztlich klar, daß wir den großen Bus nur auf härterem Boden weiterbringen konnten. Immer wieder mußten wir weit nach Norden oder Süden ausweichen, um riesige Dünenfelder zu umfahren. Endlich sind wir auf den Wadi gestoßen, den uns die Tuareg genannt hatten. Er verlief erst eine Weile nach Norden und wir verloren wieder kostbare Kilometer, die wir uns schon erarbeitet hatten. Aber einen anderen Weg durch das nun folgende Gebirge hätte es nicht gegeben. Wir fuhren dem Konvoi immer gut zehn Kilometer voraus und trafen immer wieder auf vereinzelte Tuareg-Siedlungen. Mehrmals gelang es mir, mich nach dem Weg zu erkundigen und wurde jedesmal bestätigt, daß unsere Route richtig sei. Laut Karte fuhren wir immer genau auf der Grenze zwischen Algerien und Mali, bis schließlich kein Weiterkommen mehr Richtung Westen war, wenigstens nicht mit den schweren Fahrzeugen. Wir mußten etliche Kilometer nach Norden einschlagen, fuhren  an dem Tag nicht mehr las knapp dreizig Kilometer und verbrauchten viel zu viel Sprit. Vor allem der Bus machte uns die Probleme. Es war zum verzweifeln und die Stimmung bei den Spinnern war unerträglich. Immer wieder mußte ich ihnen klar machen, daß Umkehren den sicheren Tod bedeuten würde, da sie keinesfalls ausreichend Treibstoff mehr hätten. Nahezu in der letzten Minute vor der Eskalation gelangten wir in einem ausgetrockneten Flußtal auf die Spuren anderer Fahrzeuge. Außerdem verdeutlichte ein bestimmt vier Meter hoher Turm aus alten LKW-Reifen, daß wir uns in der Nähe einer größeren Piste befinden mußten. Nach fast einer Woche endloser Strapazen erreichten wir dann endlich die Tanezrouft-Piste und noch am Abend des gleichen Tages Tessalit.“

(Fortsetzung folgt)





KEINE AHNUNG (TEIL 1)

19 02 2011

Es kursieren sicherlich einige Geschichten zum Thema Bullireisen, die alle amüsant, interessant oder wenigstens erwähnenswert waren. Keiner jedoch konnte uns seine unglaublichen, haarstäubenden, hinreißenden und hanebüchenen Erlebnisse so unvergesslich machen wie Markus Ostermeier, den wir in seinem Sommerdomizil, einem Zelt am Surf-Strand einer griechischen Insel trafen. Die Geschichten, die er zu erzählen weiß, klingen nicht nur vollkommen konstruiert, sie sind es wahrscheinlich auch. Aber etwas fesselnd zu erzählen und sein Publikum über einen ganzen Abend lang in seinen Bann zu ziehen verdient eine Würdigung, der wir hiermit nachkommen.

 

 

Teil 1: Von Schwestern, falschen Karten und langen Bärten

Im Januar 1977 erlebte Markus Ostermeier zusammen mit fünf Freunden aus Traunstein (Obb.) einen unvergesslichen Tripp durch Nordafrika, der als eine harmloser Spaß am Stammtisch begann und als lebensgefährliche Expedition und Herausforderung an Mensch und Material zwischen Überleben und Tod enden sollte.

Am Abend des 16. Januar beschloss Markus Ostermeiermit zusammen mit seinen Freunden Thomas Ahrens und Andreas Weinzierl in noch feuchtfröhlicher Stimmung und völlig ahnungslos, dem Drängen ihres gemeinsamen Bekannten Walter Dillinger, Spediteur und Import- Export Vorreiter auf Oberbayerisch, nachzugeben und drei von der Stadtverwaltung ausrangierte Fahrzeuge an einen bislang unbekannte Bestimmungsort zu überführen, von dem sie lediglich wußten, daß er noch südlch der Sahara liegen sollte. Ihr gemeinsamer Bekannter hatte die Fahrzeuge für den Export angekauft und stellte nun eine Truppe von Fahrern zusammen, denen weder die Beschwerlichkeiten einer derartigen Reise noch die eventuellen Gefahren etwas ausmachen könnten und lockte außerdem mit einer aus damaliger sicht nicht unerheblichen Provision bei Gelingen. Zudem kam, daß das Team sich untereinander kennen sollte und das nötigen technische Knowhow mitbrächte, denn spätestens ab Gibraltar wären sie weitgehend auf sich alleine gestellt. Sowohl Ostermeier als auch Weinzierl erfüllten diese Voraussetzungen gut, der wesentlich jüngere Ahrens ließ sich seinerseits nicht von allen Warnungen abhalten und bestand auf seine Teilnahme. Somit war das Team 1 gebildet und am 17. Januar bei Walter Dillinger im Büro dessen Spedition vorstellig.

Derartige Fahrzeugüberführungen unter anderem nach Afrika waren durchaus keine Seltenheit und in der Regel eines der letzten Abenteuer, die es zu Zeiten der schon damals voranschreitenden Globalisierung und Erschließung der letzten Winkel unserer Erde zu bestehen gab. Ganze Karawanen von Hippis zogen mit Fahrzeugen aller Art und Größe und mit einem ovalen Zollkennzeichen ausgerüstet Richtung Indien, um sich zum einen von der Magie der fernöstlichen Religionen in ein Nirvana auf Erden befördern zu lassen und zum anderen, um die Fahrzeuge am Zielort wieder zu verkaufen und vom Erlös, die mittlerweile angefallene Heilpraktiker-Kosten zu bezahlen. Immer schon war der Weg das Ziel, das Abenteuer wichtiger als die Sicherheit und die als spirituelle Erweiterung getarnte Fern-Ost Sehnsucht für viele oftmals die letzte Flucht nach vorne. Die nötigen Visa und Transit-Papiere zu erwirken war für Walter Dillinger keine Besonderheit mehr, zumal seine Spedition oftmals Waren in nordafrikanische Staaten lieferte. Allerdings galten diese Papiere vor Ort oftmals nur noch als Option für die jeweiligen Grenzbehörden. Die Genehmigung zur Weiterfahrt an afrikanischen Schlagbäumen unterlag nicht nur den sich häufig ändernden politischen Verhöltnissen innerhalb der Staaten, oftmals war man auch einfach nur der Wilkür der Grenzbehörden ausgeliefert und mußte auch trickreich agieren sowie die nötige Cleverness besitzen, um die Fahrt durch die Sahara bis in die mittelafrikanischen Staaten nicht schon in Marokko oder Lybien enden zu lassen. Zudem galten in Afrika unter dem Begriff Straße völlig andere Bewertungskriterien. Der Begriff Expedition traf daher das Vorhaben der Gruppe um Markus Ostermeier weit besser als eine in Europa übliche Fahrzeugüberführung.

„Meine ganzen Freunde sind damals weggegangen und keiner hatte eine Ahnung, was da auf einen zukam“, so Ostermeier. „Wir sind alle narrisch auf Abenteuer gewesen und zu verlieren hatten die meisten auch nix. In den Städten hingen die Gammler in den Parks und auf dem Land, da wo wir gewohnt haben, da gab es nichts außer der Aussicht, irgendwann den Betrieb vom Vater zu übernehmen. Bei uns wars schlimm und als dann auch noch die letzten gegangen waren, da haben der Andi und ich eben beschlossen, auch hier abzuhauen. Daß der Thomas da mitkommen wollte, war uns anfangs überhaupt nicht recht. Der hatte nur Unsinn im Kopf und konnte nicht ein einziges ernstes Wort rausbringen. Naja was solls, haben wir gesagt und dann haben ich und der Andi beim Dillinger unterschrieben. Da hieß es erst, wir sollten in Südfrankreich auf die Anderen stoßen, tatsächlich haben wir uns aber erst in Gibraltar getroffen. Das war schon eine Mordsgaudi, überhaupt da runter zu kommen. Zwei Tage lang haben wir versucht zu trampen und sind gerade mal bis Bozen gekommen. Da hats uns gelangt und wir sind mit dem Zug wieder Heim gefahren. Da hab ich mir den Porsche von meiner Schwester geliehen – natürlich hat die nichts davon gewußt – und wir sind losgebrochen wie die Verrückten. Der Andi ist ohne Pause bis nach Barcelona gefahren, ich hab gepennt und dem Thomas sind hinten auf dem Minibankerl die Beine eingeschlafen.“

Ostermeier, Weinzierl und Ahrens schaffen die 2.700 km lange Strecke von Traunstein nach Gibraltar in 22 Stunden und treffen dort auf drei weitere Fahrer: Kilian Haas, Martin Sennhofer und Hans Christian Brauer. Die Fahrzeuge hatten Sennhofer, Brauer und Haas bereits nach Südspanien gefahren und die Flotte in Gibraltar um zwei spanische LKW erweitert.

„Der Kilian und der Martin waren schon über eine Woche in Spanien. Da kann man sich leicht vorstellen, was für einen Blödsinn die in der Zwischenzeit anstellen konnten. Und dann war auch noch der Brauer mit dabei, der schon damals zu nix zu gebrauchen war. In meinen Augen war das eine völlige Idiotentruppe. Der einzige, der was getaugt hat war der Andi. Der hats dann auch irgendwie hingebracht, daß meine Schwester den Porsche wieder bekommen hat. Ich war damals echt ganz froh, daß ich mal eine Zeit lang von daheim weg war.“

Am Morgen des 20sten Januar 1977 brechen Markus Ostermeier und seine fünf Freunde mit der Fähre nach Tanger auf und beginnen einen für alle sechs ungeanhnten Tripp durch Nordafrikas staubige Hölle.

Ostermeier: „Wenn du überlegst, was die heute alles dabei haben, wenn sie in die Wüste fahren. Wir hatten ja eigentlich gar nichts. Nicht mal eine vernünftige Schaufel. Der Bus und der Deutz waren voll bis auf Anschlag mit alten Küchenteilen, die der Haas in Afrika verchecken wollte. Ja und der Rest war auf die zwei Transporter verteilt, damit wir wenigstens noch den einen haben, wenn der andere auf der Strecke bleiben sollte. Das darf man sich nicht so romantisch vorstellen. Wir haben zwischen Benzinkanistern und Ersatzreifen geschlafen. Und kistenweise Konserven in allen Fahrzeugen. Was anderes kann man da eh nicht mitnehmen bei der Hitze.“

Ostermeier und seine Crew veruchen, ihren Konvoi – einen Setra S6 (ehemals Polizei Traunstein), einen  dunkelblauen Magirus Deutz Merkur, ehemaliger Gerätewagen des THW/Luftschutzdienstes Traunstein, einen gelben Mercedes LA 911 irgend eines spanischen Fernmeldeamtes, einen bordeaux-roten Benz 319 einer spanischen Umzugsfirma sowie einen weißen Benz 319 der Johannieter Unfallhilfe – quer durch die Sahara nach Lagos zu steuern – durch ein Gebiet, daß schon immer für Armut und Unterdrückung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit bekannt war, aber auch für Einsamkeit, Weite und absolute Urgewalt. Das und die verlockende Aussicht auf eine attraktive Prämie waren wohl ausschlaggebend für die Sechs, ihr Leben jeden Tag aufs neue zu riskieren unter dem Vorwand , die Fahrzeuge ordnungsgemäß und noch vor Frühlingsbeginn in Lagos abzuliefern. Dabei führt sie ihre Route von Marokko aus über Algerien, das heutige Niger bis nach Nigeria an den Golf von Guinea.

„Erst haben wir gedacht, wir machen es uns einfach und fahren immer an der Küste entlang. Kann ja nicht so schwer sein und Lagos ist ein Hafen, also müssen wir da irgendwann mal rauskommen.
Aber schon in Rabat haben sie uns da gründlich von abgeraten. Was meinst den Du, damals gabs da keine einzige zusammenhängende Straße und jede Kiste wog ja mehrere Tonnen. Damit quer durch die Wüste oder was? Außerdem soll es jede Menge Rebellen dort gegeben haben. Ist ja heute kein Deut anders. Am besten sollten wir so lange wie möglich nördlich der Sahara bleiben und dann über Algerien runter und auf die Tanezrouft-Piste. Haleluja, damit hatten wir null gerechnet. Außerdem hatten wir nur eine feste Summe zum Tanken dabei und der Haken nach Osten kostete sicherlich zehn bis fünfzehn Tankfüllungen extra. Und die beiden Kinder, der Brauer und der Ahrens hatten noch nicht mal einen gültigen Pass dabei. Und dann quer durch´s Niemansland. Jetzt stell dir das mal vor: Ein grüner Bus, ein weißer Krankenwagen, ein gelber Postlaster, ein roter Laster und der Blaue vom THW. Von Oben waren wir die Flagge von Jamaica, man.“

Tatsächlich gelingt es, die Lastwagen von Casablanca über Fes bis nach Benimathar zu bringen. Aber erst in Tiaret stechen die fünf Fahrzeuge Richtung Süden in die Sahara und verlieren so gut drei Tage.

„Unsere Karten waren unter aller Sau. Ich glaube, im Krankenwagen lag der Esso Weltatlas und ich und der Andi, wir hatten eine Straßenkarte von Nordafrika, die wir uns in Casablanca ergaunert hatten. Karten waren absolute Mangelware. Wir hätten Kamele kaufen können oder Hammel, Frauen, jedes erdenkliche Ersatzteil für unsere Kisten aber keine brauchbare Karte für die Sahara. Der Kilian war die Strecke schon mal gefahren. Der Kilian – der konnte sich noch nicht mal an den Heimweg von unserer Stammkneipe nach Hause merken. Die Namen von Oasen klanken echt authentisch, aber sie standen nicht im Esso-Atlas und meine Nordafrika-Karte hörte in In Salah auf. Aber bis dahin war eh noch nicht viel passiert. Als wir in Laghouat zum ersten mal richtig in der Wüste standen, da war das ja noch echt aufregend. Ich hab noch niemals so einen Sternenhimmel gesehen. Und ich habs auch nie wieder. Das war, als wärst du komplett eingeüllt in ein schwarzes Handtuch mit zigtausend winzigen Löchern drin. Schon echt unvergesslich. Aber saukalt war die erste Nacht in der Wüste. Der Haas mußte unbeding den Wüstenfuch raushängen und auf dem Dach vom Deutz schlafen. Aber der war so leicht rund und mitten in der Nacht haben wir in laut fluchen gehört, als er runtergerollt war. Er hat aber nicht aufgegeben und ist echt wieder hochgestiegen.“

Bis Tamanrasset verläuft die Fahrt ohne weitere Zwischenfälle. Der Diesel des spanischen Möbelwagens hat einen Defekt und muß repariert werden. Ostermeier und Weinzierl können den Schaden aber beheben und in Tamanrasset sogar Ersatzteile erstehen.

„Das muß man sich echt mal vorstellen. Wir waren mitten in der Wüste und außer einem vertrockneten See, so ein paar Hütten und jede Menge scharfer Felsen gabs da absolut nichts. Aber eine Lichtmaschine für die beiden 319er gabs schon. Die hab ich beim Bürgermeister gekauft. Das war der einzige, der nicht in Wellblechhütten gehaust hat. Der hatte eine Werkstatt und circa fünfzehn Kinder. Frauen hast du aber keine gesehen. Wir haben da eine Nacht gepennt und den Kindern von unserem Tulip-Büchsen was abgegeben. Dafür haben die die ganze Nacht Wache um unsere Kisten gestanden. Der grüne Bus hat ihnen am besten gefallen. Klar, der hatte wenigstens zwanzig Fenster oder so, auch oben am Dach und der Bullenstern war auch noch dran.
Am nächsten morgen haben wir dann kurz nachdem man da so raus aus dem Gebirge kommt so einen Hippibus aufgelesen. So ein VW-Ding, wie sie damals überal in der Wüste rumgegurkt sind. Ja, das waren auch ganz lustige Typen, so lange Haare und Bärte wie ZZ-Top. Die waren wohl original da seit zehn Jahren hängen geblieben. Und ihre Kiste hat ausgesehen – da war nicht mehr viel dran, was den Rost zusammen halten konnte. Der Martin hielt dann echt gnadenhalber an und nach einer Weile kam er mit dem Bulli im Schlepp hinter uns her. Seitdem hatten wir die am Hintern kleben.“

Bernd Koch und Tobias Auerbach hielten sich im Januar 1977 mit einem Samba T1 hinter Tamanrasset auf, um an ihrer Doktorarbeit in Geologie zu arbeiten. Sie hatten sich am Fuß des Gebirges für ihre Forschungszwecke relativ fest eingerichtet. Ihr Basislager, der Bulli diente nicht nur als Schlafplatz sondern war in gut zwei Monaten ein geologisches Museum auf Rädern geworden.

Bernd Koch: „Die Typen hatten noch nicht mal eine Karte dabei. Sechs völlig verwahrloste Typen wie die Bären in fahrenden Ruinen. Der eine hing etwas hinterher und qualmte, als würde er gleich in Flammen aufgehen. Als der Typ ausstieg und auf uns zu kam dachte ich erst, der will uns vermöbeln. Aber dann sprach er uns an und bat uns um die genaue Position. Die gab ich ihm. Er wollte gerade gehen, da drehte er nochmal um und fragte uns, was wir hier so machen und ob wir nicht Lust hätten, ein Stück mit ihnen zu fahren. Wir hatten den Bus voll mit Proben für meine damalige Arbeit und ein Zelt, jede Menge Werkzeug, Tanks und Kisten mit Proviant auf dem Dach. Im Bus war gerade so viel Platz, daß man halbwegs liegen konnte. Dazu war der Bulli mit dem Gestein derart aufgelastet, daß wir echte Bedenken hatten was unsere Heimfahrt anging. Außerdem hatten wir noch keine Ahnung, wie wir das ganze Zeug über die Grenze nach Hause bringen sollten. Da hat der Typ uns den Vorschlag gemacht, daß er das ganze Geröll, wie er sich ausdrückte, auf seinen Lastwagen packen wollte, wir also ein haufen Sprit sparen würden und es außerdem noch bequemer hätten. Daß die ganz was anderes von uns wollten und daß wir am Schluß nicht nur das Gestein sondern auch noch die anderen Typen mit an Bord haben sollten, davon war ja zu dem Zeitpunkt noch nichts zu ahnen.“


(Fortsetzung folgt)





BULLI-HYMNE

9 02 2011

Auf einer der vielen VW-Bus Foren in der Tiefe des Internetzes stieß ich auf der Suche nach immer wieder nötigen Ersatzteilen auf meine bald zur Lieblingsseite gewordenen „Bunten Bulliseite“ und versank sofort in die zahlreichen dort erzählten Geschichten. Ich las von dem Studentenbulli, der trotz Erfrierungsgefahr und mangelnder Ausstattung zum Freund wurde, der nach einer Frankreichfahrt in den späten 80ern wieder verscherbelt wurde oder seinen Fahrer durch die Studienzeit begleitete.

Nostalgie, niemals ist sie mehr mit einem technischen Gegenstand verbunden als mit dem Bulli. Weil alle Gefühle der Freiheit, des Südens und der Sommersonne damit verbunden sind, weil es meist die Gründerjahre junger Familien sind, weil oft die Kunst des Improvisierens und der Erfolg über Geleistetes vor dem Mangel an Komfort und Sicherheit stehen. Und weil sich eine Nische auftut zum Verschwinden aus einer aalglatten Anonymität und aus der ganzen Spießigkeit sowieso.

Da musste ich schon lachen, als ich Stefan Binders Fotos sah, sein „Zukunftsprojekt zwischen den Bäumen“. Einen ähnlichen Fall von Angewurzelt habe ich oberhalb von Monterosso/5-Terre in Italien liegen sehen. Ich stieß eher unfreiwillig darauf, als ich mich meiner Blase ganz unbeobachtet in hohem Bogen einen Steilhang hinunter Erleichterung verschuf und das Prasseln auf Blech mich stutzig machte. Selber stand ich zwei Schritte von meinem eigenen Bulli entfernt und konnte dabei über das merkwürdige Nebeneinander von Vergessenheit und Anwesenheit grübeln. Später musste ich feststellen, dass das Wrack erstaunlich gut im Lack stand.

Meinen ersten Bulli kaufte ich meiner Studienkollegin ab, machte TÜV und verließ Deutschland im Herbst für vier Monate. Der Bulli begleitete mich nach Finnland und wir hätten beinahe das Nordkap im Winter bezwungen. 14 Kilometer fehlten noch, aber trotz Winterreifen geriet die Situation aus den Fugen. Wir fuhren Hänge quer bergauf und bergab und von einer Straße war in der pechschwarzen Dunkelheit nichts mehr zu sehen. Erstmals wurden Bulli und ich in die Knie gezwungen. Das tat uns beiden weh.

Später verkaufte ich das Fahrzeug mangels Restaurierungssetat an einen Zivildienstleistenden aus Garmisch Partenkirchen. Viele Jahre später erlebte ich eines der vielen Buswunder, die sich um den T2 zu ranken scheinen. Meine verflossene Freundin verliebte sich neu, zufälligerweise in den damaligen Käufer meines Finnland-T2, der bis dahin niemals zuvor in unser Leben getreten war. So bekam ich nochmals einen Gruß aus der Vergangenheit von meinem Fahrzeug, das mich auch bei minus 17 Grad und einer durchfrorenen Nacht, dem Kältetod nahe, nicht verlassen hatte.

Urs Kurswagen, der zweite T2

Urs Kurswagen

Meinen zweiten T2 fand ich auf der Insel Reichenau per Inserat. Schon bei der ersten Besichtigung gab es keine Zweifel: Hier steht meine Freiheit, mein Süden, meine Sonne. Ich schlug ein, bevor überhaupt über den Preis geredet wurde. Und ich bereute nichts. Die Eltern des Verkäufers gaben das Fahrzeug aus Altersgründen ab und ich erstand den umlackierten Schweizer Fernmeldebus mit doppeltem Unterboden, eingeschweißt für den Feld-, Wald- und Wieseneinsatz für 1700 DM. Und er war liebevoll eingerichtet, vom Waschbecken bis zur Schranktürverkleidung in Fisch- und Storchmotiven. Nach Entschlackung bis auf die Liegen fuhr dieser Bus in alle Himmelsrichtungen ohne die kleinste Panne. Er stand an der Ostsee, der Nordsee, dem Mittelmeer und auf nahezu allen ernstzunehmenden Alpenpässen. Er trugt den Namen Urs Kurswagen, weil er aus der Schweiz kam und weil nichts an ihm an Stillstand dachte. Er war der Feriengarant für meine junge Familie und der Packesel eines heranwachsenden Haushaltes. Heute steht er ein paar Stadtteile weiter und fährt Steine für seinen neuen Herrn und Meister. Reisen wird er wohl nie mehr.

Wegen Geschichten wie diesen und aus tausend anderen Gründen bin ich der Meinung, dass Technik niemals menschennäher entwickelt wurde als im Model T2 von VW. Und gerne unterstütze ich den Kult und die Saga um den Bulli in Wort und Tat, und sei es nächstes mal wieder mit dem Bulligruß auf der Superstrada Richtung Süd mit aufblinkendem Fernlicht für den T2 auf der Gegenfahrbahn irgendwohin. Hauptsache kein Stillstand.

Bullitalien 2001

Auf seine erste Tour brachte er uns nach 5-Terre/Ligurien und befand sich noch im Original-Kaufzustand. Aber schon nach den ersten zwei Tagen verlor Urs sein Mobiliar und kam um einige Kilo leichter und ettliche Kilometer erfahrener zurück.








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